Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Homiletic and Pastoral Review (26. Juli 2024); kleinere Überarbeitungen wurden am 7. Juni 2025 vorgenommen.
Die entsetzlichen Angriffe der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg in Gaza haben unter Katholiken viele Fragen aufgeworfen: Sollten sie Israel unterstützen? Und wenn ja, sollten sie dies aus rein politischen oder moralischen Gründen tun – etwa auf der Grundlage des Völkerrechts oder der Lehre vom gerechten Krieg –, oder sollten sie auch weitere biblische und theologische Gesichtspunkte berücksichtigen? Kommt Israel als dem von Gott erwählten Volk auch heute noch ein besonderer Status zu, oder sollten wir den modernen Staat Israel als ein rein säkulares politisches Gebilde wie jeden anderen Staat betrachten? Dieser Artikel wird diesen Fragen nachgehen und einige grundlegende theologische und katechetische Prinzipien und Orientierungshilfen zum „Geheimnis Israels“ für Katholiken darlegen.
Die Ursprünge Israels
Die Ursprünge Israels reichen bis in das Buch Genesis zurück. In Genesis 12 ruft Gott Abram dazu auf, seine Heimat zu verlassen, und verspricht ihm, ihn zu einem großen Volk zu machen, seinen Namen groß zu machen und durch ihn der ganzen Welt Segen zu schenken (Gen 12,2–3). Später verleiht Gott diesen Verheißungen die Gestalt eines Bundes: Er schwört feierlich, Abrahams Nachkommen das Land Kanaan als ewigen Besitz zu geben (Gen 15,18–21), Könige aus ihnen hervorgehen zu lassen (Gen 17,5–8) und durch sie alle Völker zu segnen (Gen 22,16–18).
Der Bund und die Verheißungen gehen auf Abrahams Sohn Isaak (Gen 26,3–5.24) und seinen Enkel Jakob (Gen 28,13–15) über. Nachdem Jakob mit einem geheimnisvollen Engel gerungen hat, gibt Gott ihm den Namen „Israel“ – möglicherweise mit der Bedeutung „einer, der mit Gott ringt“ (Gen 32,29). Später bestätigt der Herr diese Namensänderung und erneuert seine Verheißung, Jakobs Nachkommen zu einem großen Volk im Land Kanaan zu machen (Gen 35,10–12).
Bund und Land
Nachdem Jakobs Nachkommen in Ägypten versklavt worden sind, offenbart Gott deutlicher, dass sein Bund mit Israel ein familiäres Verwandtschaftsverhältnis auf der Ebene des ganzen Volkes begründen soll: Israel ist Gottes „erstgeborener Sohn“, dazu berufen, ihm zu „dienen“ oder ihn zu „verehren“ (Ex 4,22–23).1 In seiner Souveränität wird der Herr sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei erlösen, es als sein eigenes annehmen und in das Land führen, das er seinen Vätern versprochen hat (Ex 6,6–8).
Am Berg Sinai nimmt der Herr Israel als sein „besonderes Eigentum“ an. Wenn die Israeliten die Bestimmungen des Bundes einhalten, werden sie ein „Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ sein (Ex 19,5–6), dazu berufen, allen Völkern Gottes Absichten zu offenbaren (Ex 34,10). Der Bund ist jedoch an Bedingungen geknüpft: Israels einzigartige Berufung verlangt, heilig zu sein, wie der Herr heilig ist (Lev 19,2). Die Bestimmungen des Bundes sind in der Tora, dem Gesetz des Mose, niedergelegt. Treue und Gehorsam gegenüber der Tora führen zu Segnungen, darunter einem Leben im Land in Frieden und Sicherheit. Untreue und Ungehorsam dagegen ziehen Flüche nach sich, deren äußerste Folge die Verbannung aus dem Land ist.
Es überrascht daher nicht, dass das Land als vorrangiges Zeichen des Bundes Gottes mit Israel in der Heiligen Schrift großen Raum einnimmt. Die Verheißung des Landes an Israel wird mindestens 176-mal erwähnt und ist damit die am häufigsten wiederholte Verheißung der Bibel.2 Sie hat ihren Ursprung in der Genesis (Gen 13,14–17; 17,8; 26,3–4; 35,10–12) und bildet das Ziel des Exodus (Ex 6,8; 33,1; Dtn 1,8). Sie steht im Mittelpunkt der Botschaft der Propheten, die Israel unermüdlich daran erinnern, dass Gott es schließlich in sein Land zurückführen wird, selbst wenn es wegen seiner Sünden ins Exil geschickt wird. Die Botschaft ist dieselbe bei den Propheten vor dem Exil (Am 9,14–15; Jes 11,10–12; Jer 16,14–16), während des Exils (Ez 28,25–26) und sogar nach dem Exil (Sach 10,6–12).
Bemerkenswerterweise verkünden die Propheten selbst nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft weiterhin eine zukünftige Heimkehr aus den vier Enden der Erde, die dauerhaft sein und ein Leben in Sicherheit ermöglichen wird. Diese Prophezeiungen erfüllten sich nicht bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, die in ihrem Umfang begrenzt und nur vorläufig war: Im Jahr 70 n. Chr. wurden die Juden von den Römern erneut ins Exil getrieben. Diese prophetischen Worte legen nahe, dass ein „neuer Exodus“, in dem Israel in sein Land zurückkehren wird, noch bevorsteht.
Kurz gesagt: Selbst wenn Israel Gott untreu wird, bleibt Gott Israel treu. Während die Propheten Israel zur Bundestreue aufrufen und ihm für den Fall der Untreue ein strenges Gericht ankündigen, verkünden sie ebenso beharrlich die künftige Wiederherstellung des Volkes. Selbst inmitten von Sünde und Abfall hört Gott nicht auf, Israel daran zu erinnern: „Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein“ (Jer 30,22; Ez 36,28).
Und doch ist das Land bei aller Bedeutung nicht die letzte und höchste Dimension des Bundes. Der Herr kündigte auch an, mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund zu schließen. Dieser neue Bund würde seinen ursprünglichen Bund mit Israel bestätigen, nicht aufheben – einen Bund, den der Herr für ebenso fest und beständig erklärte wie die Ordnung der Schöpfung (Jer 31,31–37).
Vom Neuen Bund zum Supersessionismus
Jesus von Nazaret offenbarte sich als der Messias, der gekommen war, die Verheißungen des Alten Testaments zu erfüllen, indem er den Neuen Bund mit Israel begründete. In einer tragischen Wendung der Geschichte nahmen ihn jedoch die meisten Juden nicht an. Der Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten führte schließlich zu seiner Kreuzigung und seinem Tod: einer grausamen, durch menschliche Sünde veranlassten Hinrichtung, die im Wirken der göttlichen Vorsehung zur Quelle des Heils für die Welt wurde.
Die ersten Christen waren allesamt Juden, die ihren Glauben in Kontinuität mit ihrem jüdischen Erbe lebten. Schon bald strömten jedoch Nichtjuden in die junge Kirche und bildeten rasch die Mehrheit, während die Zahl der Judenchristen abnahm, bis sie schließlich verschwanden. Da die Kirche nun überwiegend aus Nichtjuden bestand, verschärfte sich der Gegensatz zwischen Christentum und Judentum zunehmend.
Bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. begannen die Kirchenväter eine theologische Offensive gegen das Judentum. Wenn das Christentum wahr sei, so ihre Überlegung, könne das Judentum nicht wahr sein. Wenn die Kirche das neue Volk Gottes sei, dann sei es das jüdische Volk nicht mehr. Dieser Gedanke wurde später als Supersessionismus oder Substitutionstheologie bezeichnet: Die Juden hätten Christus verworfen; deshalb habe Gott die Juden verworfen und durch die Kirche ersetzt. Durch die Ablehnung des Messias hätten die Juden ihren Status als Gottes Bundesvolk verloren. Gottes Verheißungen gälten daher nicht mehr Israel, sondern seien auf die Kirche als das „neue“ und „wahre“ Israel übergegangen. Obwohl diese supersessionistische Sichtweise nie zur offiziellen Lehre der Kirche wurde, war sie so weit verbreitet, dass sie de facto zum „Standard der theologischen Grundlage“ für das geschichtliche Verhältnis der Kirche zum Judentum wurde.3 Die meisten Christen hielten sie schließlich sogar für einen wesentlichen Bestandteil der Botschaft des Evangeliums.
Hat Gott seinen Bund mit Israel beendet?
Trotz der jüdischen Ablehnung des messianischen Anspruchs Jesu lehrt das Neue Testament an keiner Stelle, Gott habe seinen Bund mit Israel aufgehoben. Jesus kam zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,6; 15,24), und er schloss den Neuen Bund in erster Linie mit dem Haus Israel und dem Haus Juda (Jer 31,31; Lk 22,30).4
Jesus sagte auch, er sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten „nicht aufzuheben, sondern zu erfüllen“ (Mt 5,17). Wie wir gesehen haben, betonen sowohl das Gesetz als auch die Propheten das Land als vorrangiges Zeichen des Bundes Gottes mit Israel. Nichts im Neuen Testament deutet darauf hin, dass Jesus diese Verheißung jemals aufgehoben hätte. Im Gegenteil: In seiner endzeitlichen Rede sagt Jesus, dass „Jerusalem von den Völkern zertreten werden wird, bis die Zeiten der Völker erfüllt sind“ (Lk 21,24). Das lässt darauf schließen, dass eine zeitlich begrenzte Herrschaft der Völker über die heilige Stadt eines Tages enden und die Stadt danach vermutlich wieder unter jüdische Souveränität gelangen würde.
Die Haltung des heiligen Paulus zum Fortbestand des Bundes Gottes mit Israel ist eindeutig: „Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! […] Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er im Voraus erwählt hat“ (Röm 11,1–2). Zwar seien sie „vom Evangelium her gesehen Feinde um euretwillen“,5 doch Paulus fährt fort: „Von der Erwählung her gesehen aber sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,28–29).
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche im Anschluss an Paulus wiederholt die unwiderrufliche Erwählung Israels bekräftigt. Nach der Erklärung Nostra aetate von 1965 gilt: Auch wenn „Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt“ hat (Lk 19,44), sind „die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich“ (Nostra aetate, 4). Die Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum von 1985 fügen hinzu, der Fortbestand Israels sei „eine historische Tatsache und ein Zeichen im Plan Gottes, das Deutung erheischt“.6 Und das treffend betitelte Dokument von 2015, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“, bestätigt auf der Grundlage des heiligen Paulus und von Nostra aetate 4, dass die Kirche die fortdauernde Liebe Gottes zu seinem auserwählten Volk Israel nicht infrage stellt. Damit wird einer „Substitutionstheologie“, nach der eine Kirche der Nichtjuden an die Stelle einer „verworfenen Synagoge“ getreten sei, „der Boden entzogen“.7
Ein „neues“ und „wahres“ Israel?
Auch wenn wir anerkennen, dass Gott seinen Bund mit dem jüdischen Volk nicht widerrufen hat: Ist die Kirche nicht dennoch das „neue“ und „wahre“ Israel? Obwohl dieser Gedanke gewisse Vorläufer in der katholischen Tradition hat, ist er nicht biblisch. Der Ausdruck „neues Israel“ kommt im Neuen Testament nirgends vor. Die Wörter „Israel“ oder „Israelit“ begegnen insgesamt 77-mal, werden jedoch niemals als Synonyme für die Kirche oder für Christen verwendet. Sie beziehen sich stets auf das „ursprüngliche“ Volk Israel.
Es gibt lediglich zwei Stellen, an denen „Israel“ in einem besonderen Sinn gebraucht wird. Die erste ist die Aussage des Paulus, dass „nicht alle, die von Israel abstammen, Israel sind“ (Röm 9,6; nach der NABRE). Paulus erweitert hier jedoch nicht die Identität Israels, um alle Christen einzuschließen. Vielmehr beschränkt er den Begriff auf diejenigen Israeliten, die glauben. Mit anderen Worten: Die leibliche Abstammung allein genügt nicht, um ein „wahrer Israelit“ zu sein; auch der Glaube ist notwendig.
„Israel“ wird auch in Galater 6,15–16 in einem besonderen Sinn verwendet. Dort schreibt Paulus: „Friede und Erbarmen über alle, die dieser Richtschnur folgen, über das Israel Gottes“ (nach der RSV2CE). Die RSV-Übersetzung erweckt den Eindruck, alle, die der Richtschnur Christi folgen – also alle Christen –, seien das „Israel Gottes“. Doch die RSV lässt das entscheidende Wort „und“ (griechisch kai) aus dem Urtext weg, das die NABRE genauer wiedergibt: „Friede und Erbarmen über alle, die dieser Richtschnur folgen, und über das Israel Gottes.“ Somit sind alle, die der Richtschnur Christi folgen – die Gesamtheit der Christen –, nicht mit dem „Israel Gottes“ – den an Christus glaubenden Juden – identisch, sondern von ihm unterschieden.
Obwohl der Gedanke eines „neuen Israel“ dem Neuen Testament fremd ist, ist er zweifellos in der christlichen Tradition vorhanden. In jüngerer Zeit wird er zweimal in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils und einmal, beiläufig, im Katechismus der Katholischen Kirche erwähnt.8 Wenn die Kirche jedoch das „neue Israel“ ist, dann deshalb, weil sie in das ursprüngliche Israel eingepfropft wurde und an dessen Verheißungen Anteil erhält – nicht, weil sie Israel ersetzt und sich dessen Verheißungen aneignet (Röm 11,17–18). Da der Ausdruck „neues Israel“ jedoch so häufig supersessionistisch missverstanden wird, als habe die Kirche das „alte Israel“ ersetzt, wäre es vielleicht am besten, ihn ganz zu vermeiden. Wie Nostra aetate sagt: „Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern“ (NA, 4). Die Rede vom „neuen Israel“ vermittelt durchaus den Eindruck, das ursprüngliche Israel sei von Gott verworfen worden. Das Dokument Gnade und Berufung geht noch weiter: Die Kirche wird das neue Gottesvolk genannt, „doch nicht in dem Sinn, dass das Gottesvolk Israel aufgehört hätte zu existieren“. Ebenso wenig bedeutet dies, „dass Israel als Volk Gottes verworfen worden ist oder seine Sendung verloren hat“.9 Vielmehr bleibt der Bund „aufgrund der unbeirrbaren Treue Gottes zu seinem Volk“ gültig. Israel bleibt somit „das von Gott auserwählte und geliebte Volk des Bundes […], der niemals widerrufen und aufgekündigt worden ist“.10
Israel in der Zeit der Kirche
Wenn Gottes Gaben und seine Berufung an Israel unwiderruflich sind, welche Rolle kommt Israel dann in der Zeit der Kirche zu?
Man kann mit gutem Grund sagen, dass bereits das Überleben des jüdischen Volkes im Lauf der Geschichte – trotz unablässiger Verfolgungen und existenzieller Bedrohungen – von Gottes Treue zu seinem Volk zeugt. Darüber hinaus könnte die Rückkehr der Juden in das Land Israel, wie sie die Heilige Schrift vorausgesagt hat, ein prophetisches Zeichen sein, das zusätzlich Gottes Bundesliebe zu Israel bezeugt.
Das bedeutet nicht, dass dieser Bund aus sich selbst heraus, unabhängig von Christus und der Kirche, Heil vermittelt. Katholiken können keiner „Zwei-Bünde-Theologie“ zustimmen, nach der Christen durch Christus und Juden durch das Judentum gerettet würden. Wie die Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche von 1985 erläutern:
„Kraft ihrer göttlichen Sendung [muss] die Kirche“, die das „allgemeine Hilfsmittel des Heils“ ist und in der allein sich „die ganze Fülle der Heilsmittel“ findet […], „ihrem Wesen nach Jesus Christus der Welt verkünden“ […]. In der Tat glauben wir, dass wir gerade durch Ihn zum Vater gelangen (vgl. Joh 14,6) und dass „das ewige Leben darin besteht, dass sie dich kennen, dich, den einzigen wahren Gott, und seinen Gesandten, Jesus Christus“ (Joh 17,3).
Jesus bekräftigt (Joh 10,16), dass „es nur eine Herde, nur einen Hirten geben wird“. Kirche und Judentum können also nicht als zwei parallele Heilswege dargestellt werden, und die Kirche muss Christus als Erlöser vor allen Menschen bezeugen.11
Zugleich war die anfängliche jüdische Ablehnung des Messias nicht ohne Sinn im göttlichen Heilsplan, auch wenn Jesus alle Menschen in seine Nachfolge ruft. Sie führte dazu, dass das Evangelium den Nichtjuden verkündet wurde, sodass „durch ihre Verfehlung das Heil zu den Heiden gekommen ist“. Wenn die jüdische Ablehnung des Evangeliums „die Versöhnung der Welt“ bewirkte, so folgert der heilige Paulus, um wie viel mehr wird dann seine Annahme ein Segen für die Welt sein, nämlich „Leben aus dem Tod“ (Röm 11,11–16).
Angesichts der bleibenden Rolle Israels in der Heilsordnung – selbst trotz des jüdischen Unglaubens gegenüber Jesus – warnt der heilige Paulus die Christen aus den Völkern davor, sich gegenüber dem „Ölbaum“ Israel zu überheben (vgl. Jer 11,16–17). Zwar wurden „natürliche Zweige“ – Juden – wegen ihres Unglaubens herausgebrochen und wilde Zweige – Nichtjuden – durch den Glauben eingepfropft. Doch Letztere sollen sich „nicht überheben, sondern fürchten“: Gott kann die wilden Zweige ohne Weiteres abschneiden und die natürlichen Zweige wieder in den Baum einpfropfen (Röm 11,17–24).
Die leidvolle Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen, in der Juden oft von Christen verfolgt wurden, die sich tatsächlich gegenüber ihren eigenen Wurzeln „überhoben“ hatten, zeigt, dass der Rat des Paulus weitgehend unbeachtet blieb.12 Manche haben sogar die Ansicht vertreten, „der heilige Paulus habe mehr getan, als eine Warnung auszusprechen: Er habe prophezeit“, indem er die geschichtliche Feindschaft der Christen aus den Völkern gegenüber ihren Wurzeln voraussah, die dazu führen würde, dass sie selbst vom Ölbaum abgeschnitten würden.13
Könnte ein Zusammenhang bestehen zwischen der geschichtlichen Feindschaft der Christen aus den Völkern gegenüber Israel und der massiven Entchristlichung ehemals christlicher Nationen in den vergangenen zwei Jahrhunderten? Paulus scheint anzudeuten, dass sich der Weg des Evangeliums zu einem Kreis schließen wird: von den Juden zu den Völkern und dann zurück zu den Juden. Anders gesagt: Nachdem „die Zeiten der Völker erfüllt sind“ (Lk 21,24), werden sich die Völker offenbar vom Evangelium abwenden, das dann zu dem jüdischen Volk zurückkehren wird, von dem es ausgegangen ist:
(1) Die Juden lehnen ab → (2) Die Völker nehmen an → (3) Die Völker lehnen ab → (4) Die Juden nehmen an
Dementsprechend lädt der heilige Paulus die Christen ein, über „dieses Geheimnis“ nachzudenken: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Völker eingegangen ist; und so wird ganz Israel gerettet werden“ (Röm 11,25–26).
Wie also wird Israel gerettet werden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns dem modernen Israel zuwenden.
Vom alten zum modernen Israel: Biblischer Zionismus
Angesichts der zentralen Bedeutung des Landes für Gottes Bund mit Israel stellt sich die Frage: Könnte die Rückkehr der Juden nach Israel in der Neuzeit eine Erfüllung der Prophetie und die „Erstlingsgabe“ der Erlösung Israels sein? Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass dies der Fall sein könnte und dass hinter dieser Rückkehr die göttliche Vorsehung wirkt. Wenn Gottes Gaben und seine Berufung an Israel unwiderruflich sind, muss dies auch die Gabe des Landes und Israels Berufung einschließen, darin zu leben.
Welche andere Erklärung gäbe es? Könnte die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein angestammtes Land nach zweitausend Jahren im Exil ein bloßer Zufall der Geschichte sein, ohne jeden Bezug zu Gottes Absichten? Wohl kaum. Die zahlreichen biblischen Prophezeiungen, die Israels Rückkehr in sein Land ankündigen, eröffnen eine andere Möglichkeit, die heute unter dem Namen Zionismus bekannt ist.
Zion ist die biblische Bezeichnung für die Stadt Jerusalem und reicht bis auf König David zurück (2 Sam 5,7). Die Psalmen preisen immer wieder Gott, der „auf dem Zion wohnt“ (Ps 9,12). Zion wird „die Stadt des großen Königs“ genannt (Ps 48,3), denn es ist der Ort, an dem Gott für immer wohnen wird (Ps 132,13–14). Da der Herr „nach Zion zurückkehren und mitten in Jerusalem wohnen“ wird, unter seinem Volk (Sach 8,2–4), lässt sich wohl mit Recht sagen, dass Gott der erste Zionist ist.
Während der Jahrhunderte des Exils, der Zerstreuung und der Verfolgung vergaß das jüdische Volk niemals seine biblische, religiöse und geschichtliche Verbundenheit mit Zion. Im späten 19. Jahrhundert entstand der Zionismus als nationale Bewegung mit dem Ziel, für die Juden eine Heimstätte im Land ihrer Vorfahren zu errichten. Obwohl es verschiedene Strömungen des Zionismus gibt, ist seine grundlegende Definition einfach: Zionismus ist „die nationale Bewegung für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine Heimat und die Wiederherstellung jüdischer Souveränität im Land Israel“.14 Zionismus bezeichnet heute also die Bewegung, die die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land Israel unterstützt. Zionisten können demnach Juden, Christen, Angehörige jeder anderen Religion oder Menschen ohne Religionszugehörigkeit sein. Obwohl dieser Gedanke theoretisch kaum umstritten sein sollte, wird der Zionismus heute aus vielerlei Gründen – theologischen, politischen oder moralischen – häufig verteufelt.
Sind diese Einwände gegen den Zionismus berechtigt? Betrachten wir einige der gängigsten.
Häufige Einwände gegen den Zionismus
- „Erfüllt“ das Neue Testament die Landverheißungen an Israel nicht dadurch, dass es sie vergeistigt und auf die Christen überträgt, sodass der Himmel nun unser wahres „Gelobtes Land“ ist?
Diese Vorstellung von „Erfüllung“, nach der Gottes Verheißungen an Israel ungültig werden und sich gleichsam in geistliche Verheißungen für die Kirche auflösen, wurzelt in einem Supersessionismus, der, wie wir gesehen haben, der Lehre des Neuen Testaments widerspricht. Das Gelobte Land ist gewiss ein Typus, der den Himmel vorausbildet und auf ihn hinweist. Doch die Erfüllung – der Himmel – hebt das Zeichen – das Land Israel – nicht auf. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.15 Nichts im Neuen Testament rechtfertigt die Aufhebung von Gottes Verheißung, Israel das Land „zum ewigen Besitz“ zu geben (Gen 17,8), oder der Hunderte von Prophezeiungen, die Israels künftige Rückkehr in eben dieses Land ankündigen (siehe Mt 5,17–18).
- Ist der Zionismus nicht aus dem protestantischen Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts hervorgegangen, der die Rolle der Kirche auf eine bloße „Parenthese“ in der Heilsgeschichte reduziert, bis Gott Israel seine einstige Herrlichkeit zurückgibt?
Die Rückkehr der Juden in das Land Israel zu unterstützen, setzt keine dispensationalistische Theologie voraus und stellt auch die zentrale Rolle der Kirche als Werkzeug des Heils Christi nicht infrage. Der Zionismus erkennt lediglich die biblische Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel an, ohne damit Aussagen über die Rolle der Kirche zu verbinden. Wie wir gesehen haben, liegt der Ursprung des Zionismus in der Bibel und nicht im Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts.
- Die moderne zionistische Bewegung ist ihrem Wesen nach weitgehend säkular und sogar irreligiös. Wie könnte ein solches Vorhaben Gottes Werk sein?
Entgegen einer verbreiteten Auffassung wird die zionistische Bewegung heute zu einem großen Teil vom biblischen Glauben getragen. Zwar waren viele der frühen zionistischen Pioniere tatsächlich säkular eingestellt, wie auch viele heutige Zionisten, doch die Bewegung hat tiefe religiöse Wurzeln. Warum sollte im Übrigen das Vorhandensein säkularer Elemente die Erfüllung von Gottes Absichten verhindern? Selbst Israels „goldenes Zeitalter“ unter König Salomo war von Weltlichkeit und Sünde geprägt, darunter weitverbreitete soziale Ungerechtigkeit, sexuelle Unmoral und Götzendienst. Das hinderte Gott nicht daran, auch durch unvollkommene menschliche Institutionen zu wirken. Ebenso könnte der moderne Staat Israel trotz seiner vielen Unvollkommenheiten durchaus ein von der Vorsehung gefügter Schritt zur Erfüllung der Absichten Gottes sein.
- Bedeutet Zionismus nicht die politische Unterstützung bestimmter rechter Regime oder Ideologien?
Der biblische Zionismus erkennt grundsätzlich lediglich die biblische und geschichtliche Verbundenheit des jüdischen Volkes mit dem Land Israel an. Er unterstützt kein bestimmtes politisches oder ideologisches Lager und verlangt auch nicht, die Politik einer bestimmten israelischen Regierung gutzuheißen. Im Gegenteil: Viele israelische Zionisten kritisieren ihre eigene Regierung scharf. Zwar wird Zionismus heute meist mit religiösen Kreisen in Verbindung gebracht, die politisch eher rechts stehen; dennoch finden sich Zionisten im gesamten politischen Spektrum, von rechts bis links. In demselben Sinn sollte der katholische Zionismus das Recht des jüdischen Volkes unterstützen, in seiner angestammten Heimat zu leben, ohne damit zwangsläufig eine bestimmte Position zu verwandten Fragen einzunehmen: etwa zu Israels Grenzen, zur politischen Gestalt des modernen Nationalstaates Israel oder dazu, wie dieser mit seinen nichtjüdischen Bürgern und Nachbarn in Frieden leben sollte.
- Ist Zionismus nicht eine Form jüdischer Vorherrschaft, die Araber diskriminiert? Fordert er nicht die Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Land?
Diese Behauptungen sind unzutreffend. Viele Zionisten befürworten das friedliche Zusammenleben jüdischer und nichtjüdischer Bürger des Staates Israel. Zwar gibt es auch zionistische Extremisten, doch Zionismus und Gerechtigkeit schließen einander nicht aus. Zugegebenermaßen haben das Massaker vom 7. Oktober und der darauffolgende Krieg die Aussicht auf Frieden noch schwieriger gemacht, insbesondere angesichts der in der palästinensischen, arabischen und muslimischen Welt weitverbreiteten Kultur antijüdischer Hetze und der Leugnung des Existenzrechts Israels. Dennoch ist es durchaus möglich, Zionist zu sein und zugleich die Palästinenser zu lieben und für eine gerechte und friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts einzutreten.
- Sollte die christliche Unterstützung für Israel nicht davon abhängen, dass die Juden sich zuvor zu Christus bekehren oder zumindest als gerechtes und heiliges Volk leben?16
So sehr Christen auch auf die Bekehrung Israels hoffen und für sie beten mögen: Sie zur Vorbedingung dafür zu machen, das Recht des jüdischen Volkes auf ein Leben in seinem Land zu unterstützen, widerspricht der Lehre der Heiligen Schrift. Tatsächlich lehrt der Prophet Ezechiel die umgekehrte Abfolge: Zunächst kündigt er an, dass der Herr Israel aus allen Völkern sammeln und „um [seines] heiligen Namens willen“ in das Land zurückführen wird (Ez 36,8–12.22–24; 37,12). Danach, im Anschluss an diese Sammlung, wird der Herr sein Volk reinigen, seinen Geist über es ausgießen und seine geistliche Verwandlung bewirken, indem er ihm ein neues Herz gibt (Ez 36,25–28; 37,14). Gott ruft sein Volk zwar stets zur Umkehr und Reinigung auf; Ezechiel deutet jedoch an, dass zumindest bis zu einem gewissen Grad die leiblich-geschichtliche Wiederherstellung Israels seiner endgültigen geistlichen Wiederherstellung und Heiligung vorausgehen wird.
- Lehnt die katholische Kirche den Zionismus nicht als theologisch vertretbare Position ab?
Zwar hat das Lehramt in der Vergangenheit eine gewisse Zurückhaltung gegenüber einer Unterstützung des biblischen Zionismus gezeigt. Diese Haltung beruhte jedoch entweder auf inoffiziellen, nicht lehramtlichen supersessionistischen Voraussetzungen, die die Kirche inzwischen zurückgewiesen hat,17 oder auf vatikanischer Diplomatie, die unnötige Spannungen im Nahen Osten vermeiden wollte.
Wenn Gottes Gaben und seine Berufung an Israel unwiderruflich sind, kann dies Gottes vorrangige Gabe an Israel – das Land – nicht ausschließen. Eine biblisch begründete Unterstützung Israels widerspricht dem katholischen Glauben in keiner Weise und untergräbt ihn auch nicht, sondern steht ganz in Kontinuität mit Gottes Offenbarung. Angesehene katholische Theologen haben in jüngerer Zeit überzeugende Argumente für einen katholischen Zionismus vorgebracht. Gary Anderson sieht in der jüdischen Rückkehr nach Zion, die auch ein Ruf zu Verantwortung und Gerechtigkeit ist, einen „Teil von Gottes Vorsehungsplan und seiner ewigen Verheißung an sein Volk Israel“ – trotz der Ungewissheit über die Zukunft des heutigen Staates Israel.18 Ebenso vertritt Gavin D’Costa in seinem Artikel „Catholic Zionism“ die Auffassung, dass „die Existenz des jüdischen Staates ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk ist“, auch wenn dies nicht verlangt, eine bestimmte Regierungsform für diesen Staat zu befürworten.19 Es gibt keinen Grund, weshalb glaubenstreue Katholiken Gottes biblische Landverheißung an das jüdische Volk nicht bejahen und unterstützen könnten.
Die Rettung Israels
Die Hoffnung des heiligen Paulus auf die Rettung Israels ist eng mit der Rettung der ganzen Welt verbunden. Er schreibt: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Völker eingegangen ist; und so wird ganz Israel gerettet werden“ (Röm 11,25–26). In einem bemerkenswerten Absatz erläutert der Katechismus:
Das Kommen des verherrlichten Messias hängt zu jedem Zeitpunkt der Geschichte davon ab, dass er von „ganz Israel“ anerkannt wird, über dem zum Teil „Verstockung liegt“, sodass sie Jesus „nicht glaubten“ […]. Der Eintritt der „Vollzahl“ der Juden in das messianische Reich im Anschluss an die „Vollzahl der Heiden“ wird dem Volk Gottes die Möglichkeit geben, das „Vollmaß Christi“ zu verwirklichen, in dem „Gott alles in allen“ sein wird. (KKK 674)
Mit anderen Worten: Erstens muss die „Vollzahl der Völker“ in die Gemeinschaft des Glaubens eintreten. Paradoxerweise wird auf diese Rettung der Völker wahrscheinlich ein großer Glaubensabfall der Völker folgen, bei dem viele wegen ihres Unglaubens „abgeschnitten“ werden (Röm 11,22; 2 Thess 2,3). Zweitens wird „ganz Israel gerettet werden“, wenn die „Vollzahl“ der Juden am Heil Christi teilhat. Drittens wird der Herr nach seiner Anerkennung durch „ganz Israel“ wiederkommen. Damit werden sich seine eigenen Worte erfüllen, wonach sein Volk ihn nicht wiedersehen werde, bis es zu ihm sagt: „Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn“ (Mt 23,39; Lk 13,35). So wird die Rettung Israels für die Welt „Leben aus dem Tod“ sein (Röm 11,15).
Obwohl wir nicht genau wissen, wie sich die Rettung „ganz Israels“ vollziehen wird, gibt die Heilige Schrift einige Hinweise. Erstens scheint sich, wie wir gesehen haben, die Erlösung des Volkes in zwei Schritten zu vollziehen: einer leiblichen Sammlung im Land, auf die eine geistliche Verwandlung folgt (Ez 36–37).20 Viele glauben, dass sich dieser Ablauf vor unseren Augen ereignet: in der zionistischen Bewegung und der Entstehung des Staates Israel als leiblicher Sammlung, gefolgt vom Aufkommen und raschen Wachstum der messianisch-jüdischen Bewegung in den letzten Generationen – Juden, die an Jesus glauben – als geistlicher Verwandlung. Zweitens scheint sich die endgültige Erlösung Israels nach der Rückkehr des Volkes in sein Land unter großen Bedrängnissen zu vollziehen (Ez 38–39).21 Dem Propheten Sacharja zufolge werden sich „alle Völker der Erde“ gegen Jerusalem versammeln (Sach 12,3). In dieser dunklen Stunde wird der Herr die Bewohner der heiligen Stadt schützen und ihre Feinde vernichten (Sach 12,8–9). Doch er wird ihnen weit mehr als einen militärischen Sieg schenken: Im Augenblick der größten Prüfung Israels wird Gott seinen Geist über sein Volk ausgießen und ihm eine außerordentliche Offenbarung gewähren:
Ich werde über das Haus David einen Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; dann werden sie auf mich blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um ein einziges Kind klagt, und bitterlich um ihn weinen, wie man um einen Erstgeborenen weint. (Sach 12,10)22
Schluss
Gottes unwiderrufliche Gaben und seine Berufung an Israel schließen die Vorstellung des Supersessionismus aus: Trotz der jüdischen Ablehnung Christi hat Gott sein Volk nicht verworfen. Das jüdische Volk spielt in der Zeit der Kirche weiterhin eine Rolle und bezeugt Gottes Treue durch seine bloße Existenz und seine Rückkehr in das Land Israel. In seiner weitesten Bedeutung ist der Zionismus kein Erzeugnis des protestantischen Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts, sondern tief in der Heiligen Schrift verwurzelt. Zwar lässt sich Israels nationales Streben, gemäß der biblischen Verheißung in seiner Heimat zu leben, nicht mit seiner Rettung gleichsetzen. Doch die Propheten und der heilige Paulus geben uns Grund zu der Annahme, dass die Rückkehr der Juden in das Land durchaus die „Erstlingsgabe“ ihrer Erlösung sein könnte: eine leiblich-geschichtliche Wiederherstellung, auf die unter großen Bedrängnissen eine geistliche Verwandlung folgt. Wenn dies zutrifft, müssen wir mit wachsender Feindschaft gegenüber Israel und schwierigen Zeiten rechnen. Doch die Heilige Schrift deutet an, dass das jüdische Volk gerade unter diesen Umständen „auf den blicken“ wird, „den sie durchbohrt haben“, und ihn mit den Worten willkommen heißen wird: „Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn.“ Und so wird ganz Israel gerettet werden, und es wird für die Welt Leben aus dem Tod sein.
- Das hebräische Verb avad (Ex 4,23) bedeutet sowohl dienen als auch verehren bzw. Gottesdienst feiern. ↩
- Eine Zusammenstellung der Landverheißungen an Israel bietet „God’s Promise of the Land to the People of Israel“. ↩
- Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (2015), 17. ↩
- Manche haben das Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21,33–46; Mk 12,1–12; Lk 20,9–19), in dem der Besitzer des Weinbergs die bösen Pächter töten lässt und seinen Weinberg anderen anvertraut, so gedeutet, als lehre es, Gott werde Israel verwerfen und durch die Kirche ersetzen. Doch Israel kann hier nicht mit den bösen Winzern gleichgesetzt werden. Tatsächlich ist Israel der Weinberg (Jes 5,7; Ps 80,9–17), und die bösen Winzer stehen für die Hohepriester und die Pharisäer. Das Gleichnis sagt somit nichts über eine Ersetzung des Gottesvolkes aus, sondern über eine Ablösung der religiösen Autoritäten, die das Volk Gottes leiten. ↩
- Ohne jede Grundlage im Urtext fügen die Übersetzungen RSV und NRSV in Röm 11,28 eine theologisch folgenreiche Ergänzung ein, indem sie die Juden als „Feinde Gottes um euretwillen“ bezeichnen. ↩
- Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche (1985), VI, 1. ↩
- Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“, 10. Dezember 2015, 17. ↩
- Lumen gentium, 9; Ad gentes, 5; KKK 877. ↩
- Gnade und Berufung, 23, 32. ↩
- Gnade und Berufung, 33, 34. ↩
- Hinweise, I, 7. Siehe Apg 4,12; Röm 1,16; Gal 2,16.21. ↩
- Siehe Edward H. Flannery, The Anguish of the Jews: Twenty-Three Centuries of Antisemitism, 2. Auflage (New York: Paulist Press, 2004). ↩
- Elias Friedman, Jewish Identity (New York: Miriam Press, 1987), S. 109. ↩
- A Definition of Zionism (jewishvirtuallibrary.org). Zu den verschiedenen Strömungen gehören unter anderem der politische Zionismus, der jüdische religiöse Zionismus, der sozialistische Zionismus, der christliche Zionismus und der messianische Zionismus. Der Katholizismus stimmt mit einigen, aber nicht notwendigerweise mit allen überein. Der vorliegende Artikel legt das hier definierte grundlegende Verständnis des Zionismus zugrunde. ↩
- Bestimmte Aspekte der alttestamentlichen Religion, die im mosaischen Bund wurzeln – etwa der Opferkult und das levitische Priestertum –, enthalten an Bedingungen geknüpfte Elemente, die mit ihrer Erfüllung in Christus tatsächlich zu Ende gingen. Israels Erwählung und die Landverheißung hingegen wurzeln im früheren Abrahamsbund, den Gott wiederholt als bedingungslos und unwiderruflich beschreibt (Gen 28,13–15). ↩
- Diese Auffassung äußerte Papst Pius X. im Jahr 1904 bei seiner Begegnung mit Theodor Herzl, dem Vater des modernen politischen Zionismus. Der Papst sagte Herzl, er könne die entstehende zionistische Bewegung nicht unterstützen, denn: „Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt; deshalb können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.“ Theodor Herzl: Audience with Pope Pius X (1904). Wie oben gezeigt, wurzelte die außerhalb seines Lehramts geäußerte Zurückhaltung des Papstes, nicht nur dem Zionismus, sondern selbst dem jüdischen Volk ohne dessen Bekehrung zu Christus irgendeine theologische Legitimität zuzugestehen, in einem Supersessionismus, der der Lehre sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments widerspricht. ↩
- So zitiert das von der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum veröffentlichte Dokument von 1998 „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah“ den heiligen Papst Johannes Paul II.: „Irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testaments bezüglich des jüdischen Volkes und seiner angeblichen Schuld [waren] allzu lange Zeit im Umlauf. Sie haben Gefühle der Feindschaft diesem Volk gegenüber verursacht.“ Das Dokument fährt fort: „Solche Interpretationen des Neuen Testaments wurden vom Zweiten Vatikanischen Konzil in ihrer Gesamtheit entschieden zurückgewiesen“ (III). ↩
- Gary A. Anderson, „How to Think about Zionism“, First Things, April 2005. ↩
- Gavin D’Costa, „Catholic Zionism“, First Things, Januar 2020. ↩
- Einige Philosophen und Theologen haben die Auffassung vertreten, das Volk Israel sei in seinen Leiden der vergangenen zweitausend Jahre einen regelrechten „Kreuzweg“ gegangen – tragischerweise oft durch Leiden, die ihm von Christen zugefügt wurden. Für Jacques Maritain „leidet Jesus Christus in der Passion Israels“, und „die Passion Israels nimmt immer deutlicher die Gestalt des Kreuzes an“. Jacques Maritain, „The Mystery of Israel“, in: Ransoming the Time (New York: Charles Scribner’s Sons, 1941), S. 177, 179. Andere haben argumentiert, die „Via Dolorosa“ des jüdischen Volkes, die im Holocaust ihren tiefsten Punkt erreichte, habe es auf geheimnisvolle Weise mit Christus vereint. Seine „Kreuzigung“ in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern habe es zutiefst erniedrigt und als entfernte Vorbereitung auf die Entstehung des Staates Israel und seine künftige Begegnung mit der Gnade gedient: „Während der Jude langsam über die Bühne der Geschichte schritt, nahm er eine unheimliche Ähnlichkeit mit Jesus an: geschlagen, bespuckt, verspottet, verhöhnt, blutend von der nach seiner Verurteilung erlittenen Geißelung, gekrönt mit den Dornen des Unverständnisses, sein Kreuz auf dem Weg nach Golgota tragend. Das jüdische Volk musste bei den Völkern Spießruten laufen. ‚Die jüdische Diaspora innerhalb des christlichen Europa‘, fasste Maritain zusammen, ‚ist eine einzige lange Via Dolorosa.‘ Mystisch gesprochen wurde das jüdische Volk als Ganzes ans Kreuz genagelt und starb unter Hitler. ‚Wir sind alle in Auschwitz gestorben‘, rief der hochherzige A. J. Heschel im Namen aller Juden seiner Zeit aus. Am dritten Tag, drei Jahre nach dem Ende der Feindseligkeiten im Jahr 1945, erstand das jüdische Volk von den Toten: Der Staat Israel wurde ausgerufen.“ Elias Friedman, Jewish Identity (New York: Miriam Press, 1987), S. 68. ↩
- Vielleicht wird Israels letzte Bedrängnis mit der „letzten Prüfung“ der Kirche unter der Herrschaft des Antichristen zusammenfallen (KKK 675). ↩
- Übersetzung des Autors. Die etwa fünf Jahrhunderte vor Christus niedergeschriebene Prophezeiung Sacharjas, Israel werde „auf mich blicken, den sie durchbohrt haben“, ist so frappierend – wie kann Gott „durchbohrt“ werden? –, dass mehrere moderne Übersetzungen sie abändern: Ohne Grundlage im hebräischen Urtext oder in den alten griechischen und lateinischen Übersetzungen geben sie den Satz so wieder, dass sie „auf ihn blicken werden, den sie durchbohrt haben“ (RSV2CE, NRSV, NABRE). ↩



