Quelle: Middle East Quarterly (1. September 2026)
Einleitung: eine umstrittene Erklärung — Patriarchen gegen den christlichen Zionismus
Am 17. Januar 2026 veröffentlichten die Patriarchen und Kirchenoberhäupter in Jerusalem eine Erklärung mit der Warnung, dass „jüngste Aktivitäten einheimischer Einzelpersonen, die schädliche Ideologien wie den christlichen Zionismus verbreiten, die Öffentlichkeit irreführen, Verwirrung stiften und der Einheit unserer Herde schaden“.1 Die Kirchenführer äußerten die Sorge, diese Aktivitäten hätten bei „bestimmten politischen Akteuren“ in Israel und im Ausland Anklang gefunden, die „eine politische Agenda durchsetzen“ wollten, welche „der christlichen Präsenz im Heiligen Land und im gesamten Nahen Osten schaden“ könne. Weiter erklärten sie, das Vorgehen der nicht namentlich genannten Personen stelle eine „Einmischung in das innere Leben der Kirchen“ dar. Allein die Patriarchen, so ihr Anspruch, „vertreten die Kirchen und ihre Gläubigen in Angelegenheiten des christlichen religiösen, gemeinschaftlichen und pastoralen Lebens im Heiligen Land“.2
Die Erklärung erschien auf der Website des griechisch-orthodoxen Patriarchats, nicht jedoch auf jener des lateinischen Patriarchats. Auf der Website der franziskanischen Kustodie des Heiligen Landes wurde sie kurzzeitig veröffentlicht und dann wieder entfernt. Da sie nur kollektiv und ohne einzelne Namen unterzeichnet wurde, bleibt unklar, ob die armenische, syrische, anglikanische und lutherische Kirche ihr uneingeschränkt zugestimmt haben — eine erhebliche Unklarheit, die ihren Anspruch untergräbt, für alle Christen im Heiligen Land zu sprechen.
Eine weltweite Kontroverse: die Kirche gegen den christlichen Zionismus?
Die Erklärung löste umgehend eine Kontroverse aus. Mehrere katholische Kommentatoren behaupteten eilfertig, „Katholiken glauben nicht an den Zionismus“. Sie behandelten die Position der Patriarchen als feststehende katholische Lehre und taten den christlichen Zionismus als protestantisch-evangelikale Überzeugung ab, die mit dem Katholizismus unvereinbar sei. Der katholische Podcaster Michael Knowles erklärte auf X, die Erklärung der Patriarchen sei „schon immer die katholische Sichtweise gewesen“.3 Am folgenden Tag begrüßte die Gruppe Catholics for Catholics die Erklärung als „offizielle“ Verurteilung des christlichen Zionismus und wiederholte die alte substitutionstheologische Behauptung, die Kirche sei das „neue Israel“4 — wobei sie die katholische Lehre überging, dass die Bezeichnung der Kirche als „neues Volk Gottes“ nicht bedeute, „das Gottesvolk Israel habe aufgehört zu existieren“, und dass Israel weiterhin „Gottes erwähltes und geliebtes Volk des Bundes“ sei, „der niemals aufgehoben oder widerrufen wurde“.5
Die Erklärung stieß auch auf erheblichen Widerspruch. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, bestritt, dass irgendeine „Glaubensgemeinschaft“ „das ausschließliche Recht beanspruchen“ dürfe, „für die Christen weltweit zu sprechen“. Er argumentierte, „ein Zionist erkennt schlicht an, dass das jüdische Volk das Recht hat, in seiner angestammten, ursprünglichen und biblischen Heimat zu leben“.6 Der katholische Theologe Gavin D’Costa kritisierte, die Erklärung greife gezielt den christlichen Zionismus heraus, während sie „zu politischen islamistischen Ideologien schweigt, die das christliche Leben und christliche Institutionen in der gesamten Region ebenfalls ernsthaft bedrohen“. Zudem lasse sie eine grundlegende Frage unbeantwortet: „Gibt es überhaupt einen legitimen Platz für Israel, oder wird der Zionismus — ob jüdisch oder christlich — ausschließlich als Projekt der Kolonisierung und imperialen Expansion verstanden?“7 Petra Heldt, Leiterin der Ökumenischen Theologischen Forschungsgemeinschaft in Israel, bezeichnete die Erklärung wegen ihres Mangels an pastoraler Sensibilität und theologischer Klarheit als „bedauerlich“.8
Die Erklärung löste in den Vereinigten Staaten eine Kettenreaktion aus, während sich die Haltung von Christen gegenüber Israel ohnehin bereits veränderte. Ein Bericht der Washington Post vom Januar 2026 dokumentierte die nachlassende Unterstützung evangelikaler Christen für Israel, beschleunigt durch Tucker Carlsons öffentliche Kritik und wachsendes Unbehagen unter jüngeren Evangelikalen.9 Eine Umfrage des Pew Research Center vom April 2026 bestätigte, dass negative Einstellungen gegenüber Israel unter Amerikanern, insbesondere unter jungen Menschen, weiter zunahmen.10 Dieser Trend hat sich in den vergangenen Monaten fortgesetzt: Die Ablehnung Israels ist zu einem parteiübergreifenden Konsens geworden.11
Mehrere prominente katholische Stimmen unterstützten anschließend die Position der Patriarchen. Bei einer Anhörung vor der Kommission für Religionsfreiheit am 9. Februar 2026 erklärte Carrie Prejean Boller: „Ich bin Katholikin, und Katholiken befürworten den Zionismus nicht.“12 Catholics for Catholics veröffentlichte am 12. Februar ein Video, das angeblich „die katholische Sicht auf den Zionismus und den Staat Israel von 1948“ darlegte und dem jüdischen Staat jede theologische Berechtigung absprach.13 Der Daily-Wire-Podcaster Matt Fradd veröffentlichte am 20. März einen „Kleinen Katechismus zum christlichen Zionismus“. Er beanspruchte, das „endgültige Urteil“ der Kirche über eine „Ideologie, die die Erfüllung der Verheißungen Gottes falsch verortet“, darzustellen14 — obwohl Fradds Darstellung, wie David Orenstein von CAMERA zeigte, sowohl den christlichen Zionismus als auch die katholische Lehre über Israel schwerwiegend verzerrte.15 Diesen Reaktionen lag dieselbe Annahme zugrunde: Die Erklärung der Patriarchen repräsentiere den katholischen und orthodoxen christlichen Mainstream, während der christliche Zionismus eine protestantisch-evangelikale Abweichung sei.
Doch gerade der Anspruch der Erklärung auf theologische Autorität und universale Repräsentativität ist umstritten. Das Fehlen des lateinischen Patriarchats und die Entfernung des Textes von der franziskanischen Website lassen vermuten, dass der beanspruchte Konsens schmaler ist als dargestellt. Zudem blieb ausgerechnet der eigentliche Adressat der Erklärung in diesen öffentlichen Debatten weitgehend unerwähnt: Oberstleutnant der Reserve Ihab Shlayan, Gründer der Israeli Christian Voice. Um die Reaktion der Patriarchen und Shlayans Bewegung zu verstehen, ist ein historischer Rückblick unerlässlich. Eine genauere Betrachtung der Geschichte und der Akteure hinter der Erklärung deutet darauf hin, dass die Position der Patriarchen mehr mit nahöstlicher Kirchenpolitik als mit verbindlicher christlicher Lehre über Israel und den Zionismus zu tun hat.
Historischer Hintergrund: palästinensische Befreiungstheologie
Die Ablehnung des Zionismus durch die Jerusalemer Kirchen hat tiefe Wurzeln. Christen im Heiligen Land teilen traditionell mit Muslimen eine gemeinsame palästinensische oder arabische Identität und spielten sowohl vor als auch nach der Gründung Israels im Jahr 1948 eine Rolle in der antizionistischen Bewegung. Zwei christliche Cousins in Jaffa gründeten die erste Zeitung im osmanischen Palästina mit dem Titel Filistin (Palästina). Bereits 1911 hatte sie die höchste Auflage in der Region und war eine führende Stimme gegen den Zionismus.16
Die „Nakba“ von 1948 traf die palästinensischen Christen schwer. Christliche Städte und Dörfer wurden entvölkert. Einige palästinensische Christen übernahmen bedeutende Rollen im bewaffneten Kampf: Die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) wurde 1967 von George Habash gegründet, einem griechisch-orthodoxen Christen aus Lydda (Lod), der die gewaltsame Vertreibung der dortigen Bevölkerung selbst erlebt hatte. Sein Mitgründer Wadie Haddad war ebenfalls orthodoxer Christ und stammte aus Safed. Diese Persönlichkeiten wurden jedoch von säkularem arabischem Nationalismus und marxistisch-leninistischer Ideologie angetrieben, nicht von ihrem christlichen Glauben. Von Habash wird der Satz überliefert: „Als mein Land besetzt wurde, hatte ich keine Zeit, über Religion nachzudenken.“17
Der christliche Widerstand gegen Israel war jedoch überwiegend gewaltfrei, und seine maßgebliche ideologische Triebkraft war die palästinensische Befreiungstheologie (PBT). Die PBT entstand während des Krieges von 1948 und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten weiter, genährt durch den anhaltenden Konflikt und das persönliche Leid palästinensischer Christen. Ihr grundlegender Text ist Naim Ateeks 1989 erschienenes Buch Justice and Only Justice: A Palestinian Theology of Liberation. Ateek, ein 1948 aus Galiläa vertriebener anglikanischer Priester, gründete 1987 in Jerusalem das Ökumenische Zentrum für Befreiungstheologie Sabeel. Zu den weiteren bedeutenden Vertretern der PBT gehören der melkitische griechisch-katholische Erzbischof Elias Chacour, Flüchtling aus dem zerstörten Dorf Kafr Bir’am und Verfasser der autobiografischen Erinnerungen Blood Brothers; Mitri Raheb, evangelisch-lutherischer Pfarrer aus Bethlehem und Gründer der Dar-al-Kalima-Universität; Michel Sabbah, ehemaliger lateinischer Patriarch von Jerusalem; sowie Munther Isaac, lutherischer Pfarrer in Bethlehem und Autor von Christ in the Rubble: Faith, the Bible, and the Genocide in Gaza.18
Die PBT beansprucht, die christlichen Pflichten der Liebe und Vergebung mit dem Widerstand gegen die israelische Besatzung zu vereinbaren, und bietet einen theologischen Rahmen für die nationalen Bestrebungen der Palästinenser. Während sie sich als prophetische und antiimperiale Theologie der Gewaltfreiheit versteht, die Lösungen für die „gegenwärtige ungerechte Situation“ anbietet, kritisiert sie den christlichen Zionismus als „ein Paradebeispiel für den Missbrauch der Bibel zur Förderung von Gewalt, Rassismus und Ungerechtigkeit“.19
Es sei daran erinnert, dass die Befreiungstheologie insgesamt Gegenstand anhaltender Kritik durch das Lehramt der katholischen Kirche selbst gewesen ist. Die von Kardinal Ratzinger geleitete Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlichte 1984 und 1986 zwei maßgebliche Instruktionen zu diesem Thema. Die Instruktion von 1984 warnte davor, das Evangelium durch „unkritisch aus der marxistischen Ideologie übernommene Begriffe“ (VI.10) auf ein bloß „irdisches Evangelium“ (VI.5) zu reduzieren. Sie warnte vor „einer radikalen Politisierung der Glaubensaussagen und theologischen Urteile“, bei der „jede Aussage des Glaubens oder der Theologie einem politischen Kriterium untergeordnet wird“ (IX.6) — ein Vorwurf, der unmittelbar auf die Unterordnung der Theologie unter die palästinensische Nationalpolitik in der PBT zutrifft.20 Das im Ton konstruktivere Dokument von 1986 mahnte ebenfalls: „Die heilbringende Dimension der Befreiung darf nicht auf die sozialethische Dimension reduziert werden, die ihre Folge ist“ (71). An diesem Maßstab muss jede Theologie als unzureichend gelten, die Befreiung in ethnischer Identität und politischem Widerstand statt im Evangelium verwurzelt.21
Das Denken der PBT hat zwei wegweisende Erklärungen der Jerusalemer Kirchenhierarchie unmittelbar geprägt. Die „Jerusalemer Erklärung zum christlichen Zionismus“ von 2006 verwarf christlich-zionistische Lehren kategorisch als „Irrlehre, die die biblische Botschaft verfälscht“, und warnte unmissverständlich: „Der christliche Zionismus und seine Bündnisse rechtfertigen Kolonisierung, Apartheid und imperiale Expansion.“ Sie verurteilte den christlichen Zionismus dafür, „rassische Ausschließlichkeit und immerwährenden Krieg“ zu fördern und die Welt „dem Untergang von Harmagedon“ auszuliefern.22 Dies veranlasste drei christlich-zionistische Organisationen zu einer gemeinsamen Antwort, in der sie die Erklärung wegen ihrer „aufwiegelnden Sprache“ und ihrer „weit von der Wahrheit entfernten“ Ansichten scharf kritisierten. Schließlich wollten diese zionistischen Organisationen „ein Segen“ sein, indem sie allen Bevölkerungsgruppen des Landes halfen.23
Das Kairos-Palästina-Dokument von 2009, „Die Stunde der Wahrheit“, das Ateek, Raheb, Sabbah und andere gemeinsam verfassten, ging noch weiter. Es beschuldigte Israel zahlreicher Verbrechen, stellte zugleich die Palästinenser als unschuldige Opfer dar und überging die Geschichte des palästinensischen Terrorismus einschließlich zweier gewaltsamer Intifadas. Das Dokument rief zum „Widerstand gegen das Übel der Besatzung“ auf und behauptete, „ohne Besatzung gäbe es keinen Widerstand …“ (1.4)24 — wobei es außer Acht ließ, dass, wie Malcolm Lowe hervorhob, „Organisationen wie die Hamas, die in der palästinensischen Bevölkerung breite Unterstützung genießen, geschworen haben, diesen Widerstand fortzusetzen, solange der Staat Israel besteht“.25 Das Dokument unterstützte ausdrücklich die Bewegung Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS) und rief „Einzelpersonen, Unternehmen und Staaten dazu auf, Investitionen abzuziehen und alles, was durch die Besatzung produziert wird, wirtschaftlich und kommerziell zu boykottieren“ (4.2.6).26 Kairos Palästina ist seither international zu einer der prominentesten christlichen Stimmen für BDS geworden.
Ein Folgedokument von 2025, „Kairos Palästina II — Die Stunde der Wahrheit: Glaube in einer Zeit des Völkermords“, behielt den kämpferischen Ton seines Vorgängers bei. Es forderte die Kirchen auf, „ihre Regierungen unter Druck zu setzen, Israel zu isolieren, zur Rechenschaft zu ziehen, Sanktionen gegen das Land zu verhängen, es zu boykottieren und Waffenexporte zu verbieten“. Zugleich verurteilte es den christlichen Zionismus als „theologische Verzerrung und moralische Verderbnis“, die einen „tribalen, rassistischen Gott des Krieges und der ethnischen Säuberung“ propagiere.27 Dem Dokument wurde vorgeworfen, sich „weniger wie ein kirchliches oder theologisches Dokument als vielmehr wie ein von zeitgenössischer revolutionärer Ideologie geprägtes Manifest“ zu lesen. Es mangele ihm an theologischer Integrität, moralischer Kohärenz, rhetorischer Verantwortung und empirischer Glaubwürdigkeit, weil seine Sprache, seine Voraussetzungen und seine moralische Logik „jenen säkularer Aktivistenbewegungen und islamistischer Propaganda weit stärker entsprechen als der christlichen Moraltradition, die es zu vertreten beansprucht“.28
Perspektivwechsel: zionistische israelische Christen und die aramäische Bewegung
In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Christen in Israel eine wachsende kognitive Dissonanz zwischen dem Narrativ der PBT und ihrer Lebenswirklichkeit erfahren. Während die PBT eine vereinte palästinensische Front von Christen und Muslimen gegen den Zionismus darstellte, sahen israelische Christen zunehmend in der radikalen islamistischen Ideologie eine größere existenzielle Bedrohung als im jüdischen Staat. Auch wenn sie es nur selten öffentlich auszusprechen wagten, wiederholten Christen im Nahen Osten seit Jahrzehnten das Sprichwort „Nach dem Samstag kommt der Sonntag“ — gemeint war, dass die Muslime sich gegen die Christen wenden würden, sobald sie mit den Juden fertig seien.29 Der Arabische Frühling von 2011 veränderte diese Einschätzung entscheidend.
Die Umbrüche in der arabischen Welt entfesselten Wellen der Gewalt gegen christliche Minderheiten: In Ägypten wurden koptische Kirchen angegriffen; syrische christliche Gemeinden wurden zur Zielscheibe islamistischer Rebellen, die in eroberten Dörfern die Scharia einführten; und der Islamische Staat löschte anschließend uralte christliche Gemeinschaften im Irak und in Syrien aus. Für israelische Christen war der Kontrast zur vergleichsweise freien und toleranten Gesellschaft Israels nicht zu übersehen. Der Arabische Frühling war zugleich Warnung und mobilisierender Wendepunkt: Er machte sichtbar, was man schon lange befürchtet hatte.
Die proisraelische Bewegung israelischer Christen stellt innerhalb der einheimischen christlichen Minderheit Israels eine eigenständige und umstrittene Denkrichtung dar. Sie lehnt die palästinensisch-arabische Identität ab, bekennt sich zum Zionismus und zu den Institutionen des israelischen Staates, befürwortet den Dienst in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) und strebt die Anerkennung als eigenständiges indigenes Volk — als Aramäer — statt als arabische Christen an. Dies bringt ihre Anhänger häufig in Gegensatz zu palästinensischen Christen und zur etablierten Jerusalemer Kirchenhierarchie, wie die Erklärung der Patriarchen und Kirchenoberhäupter vom Januar 2026 zeigt.
Die institutionelle Gründung der Bewegung lässt sich auf Oktober 2012 zurückführen. Damals gründete eine Gruppe christlicher Aktivisten — vorwiegend IDF-Offiziere mittleren Ranges mit maronitischem Hintergrund — das Forum zur Rekrutierung israelischer Christen und bezeichnete sich als „christliche Israelis, die Arabisch sprechen“. Auf der ersten öffentlichen Konferenz des Forums im Oktober 2012 bekundeten drei Priester ihre Unterstützung. Am nächsten Tag begann eine Kampagne der Drohungen und Einschüchterung. Zwei Priester zogen sich zurück; einer, Pater Gabriel Naddaf, blieb standhaft.30
Naddaf (geb. 1973), ein griechisch-orthodoxer Priester aus Nazareth, wurde zur ersten weithin sichtbaren Leitfigur der Bewegung. Er rief christliche Araber dazu auf, ihre arabische Identität zu überdenken: Sie seien ethnisch keine Araber, sondern einheimische Aramäer — „Nachkommen von Menschen, die hier in Israel seit biblischen Zeiten leben“ — und untrennbar mit dem jüdischen Volk verbunden.31 Naddaf zahlte dafür einen hohen persönlichen Preis: Er wurde als Verräter beschimpft und erhielt Morddrohungen; ihm wurde der Zutritt zur Verkündigungskirche untersagt; sein ältester Sohn wurde mit einer Eisenstange geschlagen; und die Palästinensische Autonomiebehörde drängte den griechisch-orthodoxen Patriarchen, ihn abzusetzen.32 Im September 2014 sprach Naddaf vor dem UN-Menschenrechtsrat und erklärte: „Israel ist der einzige Ort, an dem Christen im Nahen Osten sicher sind.“33

Ein entscheidender rechtlicher Fortschritt folgte noch im selben Monat, als Innenminister Gideon Sa’ar die Aramäer offiziell als eigenständige ethnische Gruppe anerkannte. Christen mit maronitischem, griechisch-orthodoxem, griechisch-katholischem und syrischem Hintergrund konnten sich nun als Aramäer statt als Araber registrieren lassen. Im Oktober 2014 wurde Shadi Khallouls zweijähriger Sohn als erster Mensch in der modernen Geschichte entsprechend registriert.34 Vor 2012 meldeten sich jährlich etwa 35 Christen freiwillig zu den IDF. Bereits 2013 hatte sich die Zahl christlicher Rekruten verdreifacht.35 Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels dienen 394 christliche Soldaten in den IDF.36
Shadi Khalloul, Präsident der Israeli Christian Aramaic Association (ICAA), ist heute die international bekannteste Stimme der Bewegung. Der ehemalige IDF-Fallschirmjäger, fünfmalige Knesset-Kandidat und Gründer einer gemeinsamen christlich-jüdischen vormilitärischen Akademie gab seine Tätigkeit im Hightech-Marketing auf, um sich der Wiederbelebung der aramäischen Sprache und Kultur zu widmen. Er betrachtet Juden und Aramäer als „die wahren indigenen“ Völker des Landes Israel, „verbunden durch Geschichte, Abstammung und Kultur“. Ihre Partnerschaft bilde die Grundlage eines „unzerbrechlichen Bandes“. Er erklärte: „Nur in einem souveränen jüdischen Staat können wir überhaupt hoffen, als freie Männer und Frauen zu leben.“37
Hinter der Kontroverse: Oberstleutnant Ihab Shlayan und die Israeli Christian Voice
Der unmittelbare Anlass für die Erklärung der Patriarchen vom Januar 2026 war das Engagement von Oberstleutnant der Reserve Ihab Shlayan, dem ranghöchsten christlichen Offizier in der Geschichte der IDF und Gründer der Israeli Christian Voice (ICV).38 Shlayan ist Aramäer mit griechisch-orthodoxem und armenischem Hintergrund. Er bekleidete Führungspositionen in den IDF, unter anderem als Bataillonskommandeur auf den Golanhöhen und auf dem Berg Hermon. Er entwarf die Flagge der israelischen Christen und war 2012 Mitgründer des christlichen Rekrutierungsforums — der ersten Organisation, die israelische Christen aller Konfessionen im Anliegen gesellschaftlicher Integration und des Militärdienstes vereinte.39
Über die ICV fördert Shlayan die staatsbürgerliche Integration in den jüdischen Staat und tritt israelfeindlichen Narrativen in westlichen christlichen Medien entgegen. Laut den Informationsunterlagen der Organisation widmet sich die ICV „der Stärkung und Förderung der Stellung der christlichen Gemeinschaft im Staat Israel und strebt zugleich internationale Anerkennung an“. Zu ihren Aktivitäten zählen „die Förderung der Solidarität zwischen Juden und Christen“ sowie „die Pflege friedlicher und brüderlicher Beziehungen zu allen gesellschaftlichen Gruppen“. In derselben Präsentation erklärt Shlayan im Namen der von ihm vertretenen israelischen Christen: „Wir verstehen uns als Teil dieses Staates und nicht als Teil derjenigen, die ihn bekämpfen.“40 Damit erkennt er an, dass die christliche Gemeinschaft im Staat Israel sicher leben und ihren Glauben ausüben kann — anders als die verfolgten Christen in den meisten anderen Ländern des Nahen Ostens.
Gleichzeitig setzt sich Shlayan öffentlich und nachdrücklich für die Rechte der Christen in Israel ein. Er drängt die Regierung zu einem konkreten Maßnahmenprogramm: offizielle Anerkennung der Christen als eigenständige, von muslimischen Arabern unterschiedene Gemeinschaft; gleicher Zugang zu Beschäftigung und Stipendien für diejenigen, die Dienst leisten; eine eigene pädagogische Abteilung für das christliche Bildungswesen; Strukturen für die Rekrutierung in die IDF; eine Gedenkstätte für die 29 im Dienst gefallenen Christen; angemessene Vertretung in staatlichen Institutionen; bessere Verwaltung und Sicherheit in Städten mit arabischer Bevölkerungsmehrheit; sowie Unterstützung für Christen in Judäa, Samaria, Gaza und Syrien.41
Die Besorgnis der Patriarchen verstärkte sich nach Shlayans Treffen mit Huckabee am 9. Januar 2026 in der US-Botschaft in Jerusalem. Dabei erörterten die beiden künftige Schritte mit der Trump-Regierung zugunsten israelischer Christen. Shlayan zufolge ging die antizionistische Erklärung auf eine Initiative des griechisch-orthodoxen Patriarchats unter direktem Druck der Palästinensischen Autonomiebehörde und des jordanischen islamischen Waqf zurück. Diese religiöse Stiftungsbehörde verwaltet die muslimischen heiligen Stätten Ostjerusalems. Shlayan formulierte es so: „Diejenigen, die das gesamte Patriarchat und ganz Ostjerusalem kontrollieren, sind der jordanische Waqf und die Palästinensische Autonomiebehörde.“42
Wissenschaftler haben den zugrunde liegenden Konflikt als Konkurrenz zweier Überlebensstrategien von Minderheiten beschrieben. Die PBT sucht Sicherheit durch Solidarität mit der arabischen Gesellschaft und Widerstand gegen den jüdischen Staat. Die aramäische Bewegung verfolgt das, was manche als „Drusifizierung von unten“ bezeichnen: eine von der Basis ausgehende Strategie staatsbürgerlicher und militärischer Integration in Israel nach dem Vorbild der erfolgreichen Integration der drusischen Gemeinschaft.43
Fazit: Spannungen, Chancen und Herausforderungen
Die durch die Erklärung vom Januar 2026 ausgelöste Kontroverse zeigt eine reale, sich vertiefende Bruchlinie innerhalb des Christentums im Heiligen Land, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt herausbildet. Auf der einen Seite steht die palästinensische Befreiungstheologie: Solidarität mit den nationalen Bestrebungen der Palästinenser, Widerstand gegen Israel und den Zionismus sowie eine im gemeinsamen Leid verwurzelte christlich-muslimische Einheit. Auf der anderen Seite steht eine aufstrebende Bewegung israelischer Christen, die die ihnen zugeschriebene palästinensisch-arabische Identität ablehnen, die staatsbürgerliche Integration in den jüdischen Staat bejahen und argumentieren, der Zionismus sei nicht ihr Unterdrücker, sondern ihre beste Überlebensgarantie in einer feindseligen Region.
Die von Naddaf, Khalloul und Shlayan vertretene Bewegung ist zahlenmäßig klein — etwa fünfzehntausend aramäische Christen in Israel44 —, besitzt aber erhebliche symbolische und strategische Bedeutung und gewinnt unter anderen israelischen Christen an Stärke und Unterstützung. Sie stellt die seit Langem bestehende Polarisierung infrage, die israelische Juden einer vereinten christlich-muslimischen arabischen Front gegenübergestellt hat. Zugleich bietet sie Israel eine mögliche Brücke zur westlichen christlichen Öffentlichkeit, deren Haltung sich derzeit in besorgniserregende Richtungen verändert.
Aus dieser Analyse ergeben sich drei Schlussfolgerungen, die drei Gruppen herausfordern: katholische Kommentatoren, Christen im Heiligen Land und die israelische Regierung. Erstens lag die weltweite Reaktion katholischer Kommentatoren, die annahmen, die Patriarchen formulierten eine zeitlose christliche Lehre, völlig daneben. Tatsächlich war die Erklärung der Patriarchen ein Beispiel nahöstlicher Realpolitik — oder, wie Shadi Khalloul es ausdrückte, „ein Eingeständnis, dass Christen von arabischen islamischen Regierungen verfolgt werden“, und das Produkt einer „Dhimmi-Mentalität“, die bei eben diesen Regierungen Schutz zu finden hofft.45 Die Jerusalemer Kirchenhierarchie steht seit Jahrzehnten unter dem Druck der Palästinensischen Autonomiebehörde und des jordanischen Waqf, der faktisch das griechisch-orthodoxe Patriarchat und die muslimischen heiligen Stätten Ostjerusalems kontrolliert. Nach dieser Sichtweise lässt sich die reflexhafte Feindseligkeit der Patriarchen gegenüber dem christlichen Zionismus weniger als Aussage universaler christlicher Theologie denn als Fortsetzung einer langjährigen Überlebensstrategie von Minderheiten verstehen: Unterordnung unter die herrschende muslimische politische Ordnung im Austausch gegen Duldung. Katholische Kommentatoren, die die Erklärung vorschnell als „die katholische Sichtweise“ unterstützten, zeigten ein oberflächliches Verständnis der katholischen Lehre über Israel und erfassten zugleich nicht den politischen Kontext, in dem die Erklärung entstanden war. Werden sie daraus lernen und künftig mehr Umsicht walten lassen, bevor sie weitreichende theologische Schlüsse aus letztlich politischen Erklärungen ziehen?
Zweitens stellen die beiden auseinanderstrebenden Bewegungen innerhalb des Christentums im Heiligen Land nicht nur die Patriarchen und Kirchenoberhäupter, sondern alle einheimischen Christen — israelische wie palästinensische — vor eine entscheidende Wahl: Werden sie den von der PBT vorgezeichneten Weg des Widerstands und der Ablehnung des jüdischen Staates weitergehen, verbunden mit einer Politik der Beschwichtigung gegenüber arabischen und muslimischen Akteuren im Nahen Osten — einem Weg, der seit 1948 kaum, wenn überhaupt, Ergebnisse gebracht hat? Oder werden sie den Mut finden, dem neuen Weg zu folgen, den Naddaf, Khalloul und Shlayan eröffnet haben, und mit dem jüdischen Staat statt gegen ihn arbeiten? Dieser Weg hat bereits konkrete Fortschritte gebracht: rechtliche Anerkennung, einen konstruktiven Dialog mit dem US-Botschafter und der israelischen Regierung sowie eine bessere Integration in die israelische Gesellschaft.
Drittens bietet die Bewegung proisraelischer israelischer Christen dem Staat Israel eine mögliche strategische Chance: ein echtes Bündnis mit seinen eigenen christlichen Bürgern zu schmieden, der westlichen christlichen Welt zu zeigen, dass der jüdische Staat und die christlichen Gemeinschaften nicht nur tiefe theologische Wurzeln, sondern auch gemeinsame strategische Interessen teilen, und deutlich zu machen, dass die Geschichte des Christentums im Heiligen Land keine Geschichte zionistischer Unterdrückung, sondern des Aufblühens unter jüdischer Souveränität ist. Diese Geschichte, erzählt von Persönlichkeiten wie Naddaf, Khalloul und Shlayan, gehört im gegenwärtigen globalen Klima zu den überzeugendsten Argumenten zugunsten Israels. Um diese Chance zu nutzen, sollte die israelische Regierung die christliche Gemeinschaft formell als eigenständige Minderheit anerkennen, auf die konkreten Forderungen der ICV zu Bildung, Sicherheit und Militärdienst eingehen und diesen Stimmen in ihren internationalen Beziehungen zu Christen aktiv mehr Gehör verschaffen.
Diese Chance bringt Verpflichtungen mit sich. Israelische christliche Führungspersönlichkeiten haben konkrete, ungelöste Missstände benannt: grassierende organisierte Kriminalität in Städten mit arabischer Bevölkerungsmehrheit ohne angemessene Reaktion der Strafverfolgungsbehörden; Angriffe extremistischer Siedler auf christliche Gemeinschaften wie Taybeh im Westjordanland; fehlende angemessene Repräsentation, Bildungsautonomie, Strukturen für die Rekrutierung in die IDF und eine Gedenkstätte für gefallene christliche Soldaten. Daran wird sich in der Praxis zeigen, ob die von Shlayan und Khalloul vorgeschlagene Partnerschaft real ist oder bloße Rhetorik bleibt.
Die Erklärung der Patriarchen spiegelt die Sorge einer etablierten Hierarchie wider, deren Autorität und Deutung der Wirklichkeit von innen heraus infrage gestellt werden. Doch die Bewegung, gegen die sie sich richtete, wird nicht verschwinden. Wie Khallouls Verweis auf Herzls Leitspruch andeutet: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“ Es sind Gemeinschaften mit einer Vision und einem langen Gedächtnis. Wird der Staat Israel diese Chance ergreifen oder verspielen?



