Was ist “Ersatztheologie”?

Ersatztheologie nennt man die Vorstellung, dass die christliche Kirche Israel (oder das jüdische Volk) in Gottes Erlösungsplan als Sein erwähltes Volk “ersetzt” hat. In ihrer einfachsten Ausdrucksform könnte die Ersatztheologie folgendermaßen dargestellt werden:

Die Juden haben Christus verworfen, deshalb hat Gott die Juden verworfen und die Kirche ist jetzt das “neue Israel”.

In den Worten von Origen von Alexandrien (185-254 n. Chr.):

“Wir dürfen somit in völligem Vertrauen behaupten, dass die Juden nicht zu ihrer früheren Situation zurückkehren werden, denn sie haben das schrecklichste aller Verbrechen begangen, indem sie diese Verschwörung gegen den Retter der menschlichen Rasse gebildet haben…deshalb wurde die Stadt, in der Jesus gelitten hat, notwendigerweise zerstört, die jüdische Nation wurde aus ihrem Land vertrieben und ein anderes Volk wurde von Gott zur gesegneten Erwählung berufen.”

Oder wie uns einmal jemand geschrieben hat:

Wir Katholiken SIND das neue Israel. Christi Kirche erfüllt all die Prophezeiungen und führt dazu, dass die Fortsetzung des alten Israel historisch überholt ist. Die Kirche IST das Königreich Gottes. Juden sind das tragischste Volk der Welt, da “sie die Zeit ihrer Heimsuchung verpassten”.

Somit stellt sich die Ersatztheologie folgendermaßen dar:

  • Die Juden waren früher - zur Zeit des Alten Testaments - Gottes auserwähltes Volk bis zum Kommen Christi, weil sie aber Jesus nicht als den Messias Israels annahmen, wies sie Gott ab und bildete an ihrer Stelle ein neues Volk – die Kirche.
  • Juden sind deshalb nicht länger das auserwählte Volk und Gott hat keinen Zukunftsplan und keine Berufung für das Volk Israel. Die einzige Rolle, die für das jüdische Volk übrig ist, ist die der Konversion zum Christentum und die Eingliederung in die Kirche.
  • Die Verheißungen, Bünde und Segnungen, die Israel in der Bibel zugeschrieben werden, wurden den Juden weggenommen und der Kirche gegeben, die sie abgelöst hat. Jedoch unterliegen die Juden als Folge ihrer Zurückweisung Christi immer noch den Flüchen, die in der Bibel zu finden sind. Als Folge hiervon werden die Prophezeiungen in der Heiligen Schrift hinsichtlich der Segnung und Wiederherstellung Israels zum Gelobten Land “vergeistigt” oder “allegorisiert” zu den Verheißungen von Gottes Segen für die Kirche.

Wir haben anderswo die biblische Grundlage für Gottes Erwählung und Bund mit Israel diskutiert. Der vorliegende Artikel beschränkt sich auf die Frage, ob Gottes Erwählung Israels als Sein auserwähltes Volk heute noch Gültigkeit hat oder vom Neuen Testament außer Kraft gesetzt wurde. Man beachte, dass wir hier nicht darüber reden, ob der mosaische Bund und die Beachtung der Tora noch verbindlich für Juden sind (siehe auch den Abschnitt über die Tora und das Evangelium) oder ob die Juden heute sich in einem Bund mit Gott befinden, der als heilsbringend angesehen werden kann (siehe: Was ist die Theologie der zwei Bünde?). Hier behandeln wir nur die Frage von Israels Erwählung und seiner fortwährenden Rolle in Gottes Heilsplan.

Welche Schriftstellen werden für gewöhnlich zitiert, um die Ersatztheologie zu begründen?

Anhänger der Ersatztheologie präsentieren oft die folgenden Schriftstellen, um zu argumentieren, dass Gott seinen Bund mit den Juden beendet hat:

  1. Das Volk Israel war nur die Saat der zukünftigen Kirche, die sich erheben und Menschen aller Nationen umfassen würde (Mal 1,11): “Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang steht mein Name groß da bei den Völkern und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe; ja, mein Name steht groß da bei den Völkern, spricht der Herr der Heere.”
    • Gegenargument: Das zeigt, dass das jüdische Volk und Israel eine ihrer Berufungen erfüllten, nämlich ein Licht für die Völker zu sein, so dass Gottes Wort um die Welt gegangen ist. Aber es deutet keineswegs darauf hin, dass Gott nichts mehr mit Israel zu tun hat, weil ja nun Sein Name um die ganze Welt geht.
  2. Jesus lehrte, dass die Juden ihre geistigen Privilegien verlieren und von einem anderen Volk ersetzt werden: “Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.” (Mt 21,43).
    • Gegenargument: In diesem Kapitel sprach Jesus über die Priester und Pharisäer, die als Führer ihres Volkes versagt hatten, Dieses Kapitel spricht nicht über das jüdische Volk oder die Nation Israel.
  3. Ein wahrer Jude ist jeder, der aus dem Heiligen Geist geboren ist, ob er nun Heide oder Jude ist: “Jude ist nicht, wer es nach außen hin ist, und Beschneidung ist nicht, was sichtbar am Fleisch geschieht, sondern Jude ist, wer es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist, was am Herzen durch den Geist, nicht durch den Buchstaben geschieht. Der Ruhm eines solchen Juden kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.” (Röm 2,28-29).
    • Gegenargument: Dieses Argument stützt nicht die Auffassung, die Kirche hätte Israel ersetzt. Es verstärkt nur, was in allen hebräischen Schriften (also dem Alten Testament) gesagt wurde, nämlich dass die äußere Beschneidung nicht genügt, um vor Gott gerechtfertigt zu sein, sondern dass auch die Beschneidung des Herzens nötig ist.
  4. Die Verheißung des Landes Kanaan für Abraham war nur der Anfang. Das wirkliche gelobte Land ist die ganze Welt, die die Kirche erben wird. “Denn Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht aufgrund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit.” (Röm 4,13).
    • Gegenargument: Wo schließt dieser Vers Abraham und seine natürliche Nachkommenschaft, die Juden, aus? Er sagt ganz einfach, dass sie nicht durch das Gesetz die Welt erben würden, sondern dass dies durch den Glauben erreicht würde. Das gilt auch für die Kirche.
  5. “Wahre Israeliten” sind nicht die physischen Nachkommen Abrahams (“Kinder des Fleisches”), sondern vielmehr diejenigen, die an Christus glauben (“Kinder der Verheißung”). “Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: Nur die Nachkommen Isaaks werden deine Nachkommen heißen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt” (Röm 9,6-8).
    • Gegenargument: Paulus überträgt die Bedeutung Israels in dem Sinne, dass er die Kirche damit meint oder einschlussweise meint, dass die Kirche Israel ersetzt. Er beschränkt lediglich den Gebrauch des Begriffs Israel auf die, die an die Verheißungen glauben. Mit anderen Worten: Es reicht nicht, ein leiblicher Nachkomme Abrahams zu sein, um als wahrer Israelit zu gelten; man muss auch Glauben an Gottes Verheißungen haben. Es stimmt, Paulus schreibt auch, dass andere (Heiden) ebenso Teil der Israel gegenüber ergangenen Verheißung sein können. (vgl. Röm 9,25-26).
  6. Paulus schafft offensichtlich die Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden ab: “Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid “einer” in Christus Jesus.” (Gal 3,27-28).
    • Wenn diese Passage wörtlich bedeuten soll, den Unterschied zwischen Juden und Griechen abzuschaffen, müsste sie auch den Unterschied zwischen Mann und Frau abschaffen. Die Passage spricht davon, dass wir alle als einander Gleiche vor Gott stehen, weil wir alle Sünder sind, die von Gottes Gnade und Christi österlichem Opfer errettet wurden. Aber es gibt immer noch einen Unterschied, was die Rollen von Juden und Heiden in Gottes Heilsplan angeht, ebenso wie es eindeutig unterschiedliche Rollen zwischen Männern und Frauen gibt, zwischen Ehegatten und ihren Frauen, Müttern und Vätern.
  7. Ein wahrer Sohn Abrahams zu sein heißt nicht, zur Nation oder zum Volk Israels zu gehören, sondern an Jesus Christus zu glauben. Die Abstammung von Abraham wird nur in spirituellen, nicht aber in nationalen Begriffen gesehen: “Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.” (Gal 3,29).
    • Gegenargument: Während dies eine wunderbare, die Heiden einschliessende Verheißung ist, schließt dieser Vers aber nicht das jüdische Volk von ihrem ursprünglichen Bund, der Verheißung und der Segnung als natürliche Nachkommen Abrahams aus. Dieser Vers fügt lediglich heidnische Christen zu dem hinzu, was Gott schon mit Israel begonnen hatte.
  8. Die Kirche ist angeblich das “Israel Gottes”: “Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen, und über das Israel Gottes.” (Gal 6,16).
    • Einige Übersetzungen (z.B. RSV) lassen das griechische Wort kai (und) aus, das sich im ursprünglichen Text findet. Dieses Auslassen ist ein ernsthafter Vorgang, denn ohne das kai würde der Vers beinhalten, dass alle Christen, die “sich von diesem Grundsatz leiten lassen” also alle Christen, das Israel Gottes sind. Wenn das kai des ursprünglichen Textes aber beibehalten wird, beinhaltet der Vers, dass es einen Unterschied gibt zwischen denen, “die sich von diesem Grundsatz leiten lassen”, den Christen also und dem “Israel Gottes”, dem Rest des natürlichen Israel, die Gottes Verheißungen in Christus angenommen haben.

Das Problem mit der Ersatztheologie

Wenn Gott Israel als Sein auserwähltes Volk verworfen hat, würde dies ein wirkliches Versagen Seinerseits darstellen. Es würde bedeuten, dass Er ein Volk zu Seinem Zeugnis in der Welt auserwählt hat, aber letztlich nicht in der Lage war, sie dazu zu bringen, Seine Absichten zu erfüllen. Gott hat Israel geheiratet, aber sie hat sich als eine derart problematische Braut erwiesen, dass sie die Geduld ihres göttlichen Gatten bis zum Platzen strapazierte, bis Er sie schließlich nicht mehr ertragen konnte und sich von ihr scheiden ließ und so Sein eigenes Versprechen brach, sich ihr auf ewig anzutrauen: “Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen.” (Hos 2,21-22).

Der Prophet Jeremia vergleicht Gottes Bund mit Israel mit der kosmischen Ordnung und den immerwährenden natürlichen Gesetzen des Universums. Der Bund ist genauso beständig und unerschütterlich wie der Wechsel von Tag und Nacht und die Fundamente des Himmels und der Erde:

“So spricht der Herr, der die Sonne bestimmt zum Licht am Tag, der den Mond und die Sterne bestellt zum Licht in der Nacht, der das Meer aufwühlt, dass die Wogen brausen, - Herr der Heere ist sein Name: nur wenn jemals diese Ordnungen vor meinen Augen ins Wanken gerieten – Spruch des Herrn -, dann hörten auch Israels Nachkommen auf, für alle Zeit vor meinen Augen ein Volk zu sein. So spricht der Herr: Nur wenn die Himmel droben abgemessen und unten die Grundfesten der Erde erforscht werden können, dann verwürfe auch ich Israels ganze Nachkommenschaft zur Strafe für all das, was sie getan haben – Spruch des Herrn.” (Jer 31,35-37).

Ein wesentliches praktisches Problem mit der Ersatztheologie ist das Weiterbestehen des jüdischen Volkes über die Jahrhunderte hinweg und besonders das Wiederaufleben des modernen Staates Israel. Wenn Israel tatsächlich von Gott verworfen und verurteilt wurde und es keine Zukunft für die jüdische Nation gibt, wie erklären wir dann das bemerkenswerte Überleben des jüdischen Volkes über die vergangenen 2.000 Jahre hinweg trotz der vielen Versuche, es zu zerstören? Wie erklären wir, warum Israel im 20. Jahrhundert als eine Nation wieder erschienen ist, nachdem es 1900 Jahre nicht existiert hatte? Kann die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land ihrer Vorväter in Übereinstimmung mit den Schriften vieler der Propheten ein reiner “Zufall der Geschichte” sein? Kann die wunderbare Wiedergeburt Israels, der Nation die im Mittelpunkt der Erlösungsgeschichte auf jeder Seite der Bibel steht, nur das Ergebnis eines klugen menschlichen Unternehmens sein, das nichts mit Gottes Erlösungsplan zu tun hat?

Was sagen das Neue Testament und die Katholische Kirche über die Ersatztheologie?

Der Bund mit Israel wird tatsächlich im Neuen Bund erfüllt, aber das bedeutet nicht, dass der frühere abgeschafft oder aufgelöst wird. Die Kirche ist tatsächlich das “Neue Israel” (LG 9), aber das beinhaltet nicht, dass Israel “dem Fleische nach” seiner göttlichen Erwählungen und Verheißungen beraubt wurde. Das Neue Testament behauptet nie, dass Israels besondere Rolle ein Ende haben sollte nach Christi Ankunft. Im Gegenteil, es bekräftigt die fortwährende Gültigkeit seines Bundes mit Gott. Wir finden auch keine Verwirrung hinsichtlich der Identität zwischen Israel und der Kirche im Neuen Testament; die beiden bleiben unterschiedlich, wenn auch eng miteinander verbunden.

Im Neuen Testament wird 77 Mal auf Israel Bezug genommen und keine dieser Referenzen bezieht sich auf die Kirche. Versucht man, die Worte “die Kirche” dort einzusetzen, wo von Israel die Rede ist, wird die Passage unlesbar und unverständlich, z.B. in Röm 10,1: “ Liebe Freunde, ich sehne mich von Herzen danach und bete zu Gott, dass das jüdische Volk gerettet wird.” Setzt man hier “die Kirche” ein, wo das jüdische Volk erwähnt wird, wird das Ganze überflüssig. Die Kirche ist der Leib der geretteten Gläubigen, wie also könnte Paulus darum beten, dass die Kirche gerettet würde? 

Jesus selbst sagte, dass Er nicht gekommen ist, um die Tora und die Propheten abzuschaffen, die das Herz von Gottes Bund mit Israel sind:

“Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.” (Mt 5,17-18).

Mehr noch, die Kirche bekräftigt die fortwährende Gültigkeit der hebräischen Schriften (dem Alten Testament) als Quelle der göttlichen Offenbarung:

“Das Alte Testament ist ein unaufgebbarer Teil der Heiligen Schrift. Seine Bücher sind von Gott inspiriert und behalten einen dauernden Wert, denn der Alte Bund ist nie widerrufen worden.” (KKK 121).
“Die Christen verehren das Alte Testament als wahres Wort Gottes. Den Gedanken, das Alte Testament aufzugeben, weil das Neue es hinfällig gemacht habe (Markionismus), wies die Kirche stets entschieden zurück.” (KKK 123).

Das bedeutet, dass die Verheißungen und Endzeit-Prophezeiungen für Israel im Alten Testament, von denen viele nie erfüllt wurden, nicht einfach vergessen werden können. Besonders bemerkenswert sind die, die von der Rückkehr des Hauses Jakob in ihr Land (Israel) und seine Wiederherstellung sprechen, Worte, die weitgehend in Israel und dem jüdischen Volk im letzten Jahrhundert erfüllt wurden (vgl. Jes 11,11-12; 43,5-6; 49,22-23; Jes 60,9-11; Jer 16,14-16; Eze 35,1; 36; 37,1-14).

Die Dokumente des kirchlichen Lehramts seit dem Hl. Paulus bekräftigen, dass selbst nach der Menschwerdung Gottes Israel und das jüdische Volk irgendwie die Wurzel und Stütze der Kirche bleiben. Die Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils erklärt in Anlehnung an Kapitel 11 des Römerbriefes des Hl. Paulus, dass die Kirche “genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft sind.” Die Warnung des Paulus an die heidnische Kirche in der Darstellung des Ölbaums (Röm 11,17-24) ist bemerkenswert prophetisch: Obwohl natürliche Zweige (Juden) wegen ihres Unglaubens aus dem Baum Israels herausgebrochen wurden und wilde Zweige (Heiden) an ihrer Stelle eingepfropft wurden, warnt er die Heiden, nicht stolz oder arrogant ihren Wurzeln gegenüber zu werden, sonst würden auch sie abgebrochen:

“so erhebe dich nicht über die anderen Zweige. Wenn du es aber tust, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.” (Röm 11,18)

Darüber hinaus hat Gott die Macht, die natürlichen Zweige Israels zurück in ihren eigenen Ölbaum zu pfropfen. Im Lichte der verächtlichen Art und Weise, wie die Kirche die Juden während des größten Teils der christlichen Geschichte behandelt hat, wurde die Warnung des Paulus nicht beachtet. Tatsächlich war seine Warnung prophetisch: Die Arroganz der christlichen Nationen gegenüber dem jüdischen Volk im Laufe der Jahrhunderte – in manchen Kreisen sogar fortlaufend bis zum heutigen Tag – zeigt, bis zu welchem Ausmaß sie die Wurzel, die dazu gedacht war, sie zu tragen, vergessen und verachtet hatten. Nostra Aetate erinnert uns auch an Paulus’ Worte über seine jüdischen Verwandten: “Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus” (Röm 9,4).

Die Erklärung fährt fort:

“Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.” (NA 4; vgl. Röm 11,28-29).

Paulus hätte nicht deutlicher werden können: Trotz Israels Unglaubens, sind Gottes Gnadengaben und seine Berufung “unwiderruflich”. Die Erklärung widersetzt sich auch unmissverständlich der Schuldzuweisung an die Juden für den Tod Christi oder der Behauptung, dass Gott sie in irgendeiner Art und Weise verworfen hätte wegen ihrer Ablehnung von Jesus:

“Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern.” (NA 4)

Betrachten wir noch den wunderbaren Paragrafen des Katechismus der Katholischen Kirche, der bekräftigt, dass die Heiden Jesus, den Messias Israels angreifen“wenn sie sich an die Juden wenden”:  Word Missing

“Die Epiphanie ist die Offenbarung Jesu als Messias Israels, als Sohn Gottes und Erlöser der Welt bei seiner Taufe im Jordan, bei der Hochzeit von Kana und bei der Anbetung Jesu durch die “Sterndeuter aus dem Osten” (Mt 2,1). In diesen “Weisen”, den Vertretern der heidnischen Religionen der Umwelt, sieht das Evangelium die Erstlinge der Nationen, welche die frohe Botschaft vom Heilsereignis der Menschwerdung empfangen. Dass die Weisen nach Jerusalem kommen, “um [dem König der Juden] zu huldigen” (Mt 2,2), zeigt, dass sie im messianischen Licht des Davidsterns in Israel nach dem suchen, der König der Völker sein wird. Ihr Kommen bedeutet, dass die Heiden nur dann Jesus entdecken und ihn als Sohn Gottes und Heiland der Welt anbeten können, wenn sie sich an die Juden wenden und von ihnen die messianische Verheißung empfangen, wie sie im Alten Testament enthalten ist. Die Epiphanie bekundet, dass “alle Heiden in die Familie der Patriarchen eintreten” (Leo d. Gr., serm. 23) und die “Würde Israels” erhalten sollen.” (KKK 528).

Zusammenfassung

Letztlich ist die Ersatztheologie oder der Superzessionismus ein theologischer Irrtum, der keine Grundlage im Neuen Testament oder den Lehren der Kirche hat. Obwohl dieser Irrtum sich weit verbreitet hat und beginnend mit den Kirchenvätern von vielen einflussreichen Christen gelehrt wurde, war er doch nie eine offizielle Doktrin der katholischen Kirche.

Auf der anderen Seite bedeutet die Tatsache, dass Gottes Auserwählung Israels gültig bleibt, nicht, dass sein Bund mit ihnen “heilsbringend” ist oder dass sie voll gerechtfertig vor Gott sein können, während sie gleichzeitig weiterhin das Evangelium verwerfen. Dieser entgegengesetzte Irrtum, genannt die Theologie des doppelten Bundes, wird in einem anderen Artikel behandelt.

Quellen:

Substitutionstheologie (Wikipedia)