Der folgende Vortrag wurde am 22. Oktober 2014 vor der katholisch-messianisch-jüdischen Dialoggruppe in Boston, Massachusetts, gehalten.
1. Einleitung
Vielen Dank für die Einladung, vor Ihrer katholisch-messianisch-jüdischen Dialoggruppe zu sprechen. Ich bin dankbar für diesen Dialog, sowohl weil er mir am Herzen liegt als auch weil er auf meinem eigenen Weg eine wichtige Rolle gespielt hat. Ich bin in Kanada katholisch aufgewachsen, erlebte aber 1995, als ich in Österreich lebte, durch eine evangelikale, pfingstlich geprägte Gemeinde eine persönliche Bekehrung zu Christus. Leider war dieses Umfeld recht fundamentalistisch, und so wurde ich in den ersten Jahren nach meiner Bekehrung entschieden antikatholisch. 1998 zog ich nach Jerusalem, um am Israel College of the Bible (einer messianisch-jüdischen Bibelhochschule) die Heilige Schrift und das Judentum zu studieren, und engagierte mich in der messianisch-jüdischen Bewegung. Anschließend arbeitete ich für die International Christian Embassy Jerusalem, wodurch ich die christlich-zionistische Bewegung kennenlernte. 2001 wurde ich eingeladen, nach Tel Aviv zu ziehen, wo ich das Lobpreisteam einer messianisch-jüdischen Gemeinde leitete. Ende desselben Jahres führten mich mein Studium der Heiligen Schrift und des Judentums sowie meine Erfahrungen in der messianisch-jüdischen Bewegung in die katholische Kirche zurück (eine ausführlichere Darstellung findet sich in meinem Glaubenszeugnis).
Nach meiner Rückkehr zur Kirche engagierte ich mich in der hebräisch-katholischen Gemeinschaft in Israel, die mich an die Franciscan University of Steubenville in Ohio schickte. Dort erwarb ich einen Masterabschluss in Theologie und Katechetik. Während meiner beiden Jahre in Steubenville lernte ich eine lebendige Form des evangelikal und charismatisch geprägten Katholizismus kennen, die mich bis heute tief geprägt hat. 2005 kehrte ich nach Israel zurück und begann mein Promotionsstudium an der Hebräischen Universität Jerusalem. In den sieben Jahren meiner Promotion hatte ich das Glück, viele orthodoxe Juden als Freunde zu gewinnen und das orthodoxe Judentum aus nächster Nähe kennenzulernen. Dabei entwickelte ich eine tiefe Bewunderung und Liebe dafür. Am Ende meines Studiums in Jerusalem wurde mir eine Lehrstelle am Priesterseminar Saint John Vianney in Denver, Colorado, angeboten, wohin ich 2012 zog. Es ist mir eine große Freude, meine Erfahrungen mit Israel und dem Judentum mit Seminaristen zu teilen, die sich auf die Priesterweihe vorbereiten.
So wichtig dieser Dialog für mich und für uns alle ist, glaube ich doch, dass er auch unserem Herrn am Herzen liegt. Vor seinem Leiden betete er inständig darum, dass alle seine Jünger eins seien (Joh 17,21).
Ursprünglich wollte ich diesen Vortrag „Messianisches Judentum und katholische Kirche: Gegenseitige Herausforderungen und Chancen“ nennen. Nach einigem Nachdenken entschied ich mich jedoch für einen provokanteren Titel: „Katholisches messianisches Judentum: Oxymoron, Utopie oder Weg zur Einheit?“
„Katholisches messianisches Judentum.“ Was meine ich damit? Ist dieser Ausdruck nicht ein Oxymoron? Sind messianisches Judentum und Katholizismus nicht grundverschieden, wenn nicht sogar in vielerlei Hinsicht nahezu gegensätzlich?
Einerseits sind messianische Juden stolz darauf, ihren Glauben an Jeschua auf jüdische Weise zum Ausdruck zu bringen. Oft betonen sie, sie seien „keine Christen“, sondern Juden, die an den Messias Israels glauben. Aus verschiedenen theologischen, historischen und kulturellen Gründen stehen die meisten messianischen Juden dem traditionellen Christentum bestenfalls zwiespältig gegenüber.
Andererseits scheint der Katholizismus mit seinen Kruzifixen, Statuen, seiner Liturgie und seinen Sakramenten, der Verehrung Marias und der Heiligen sowie vielen weiteren Bräuchen und Praktiken geradezu das „traditionelle Christentum“ zu verkörpern. All dies scheint, zumindest auf den ersten Blick, dem Geist des Judentums fernzustehen. Wie könnten wir da überhaupt von einem „katholischen messianischen Judentum“ sprechen?
Oder ist die ganze Idee vielleicht eine Utopie? Man könnte sich einen lockeren Zusammenschluss vorstellen, in dem wir unsere gemeinsamen Glaubensüberzeugungen anerkennen und freundschaftliche Beziehungen pflegen, während jede Seite ihren eigenen Weg weitergeht. Anders gesagt: Eine Form von „katholischem messianischem Judentum“ wäre denkbar, sofern „katholisch“ lediglich im Sinne von „universal“ verstanden wird. Messianische Juden wären dann Glieder des universalen, geistlichen Leibes Christi, hätten aber auf institutioneller Ebene wenig oder nichts mit der katholischen Kirche zu tun.
Oder ruft der Herr messianische Juden und Katholiken zu wahrer Einheit in der Kirche? Wie Sie sich denken können, möchte ich für diese dritte Position eintreten.
2. Richard Harveys Vortrag über das messianische Judentum
Richard Harvey hat uns gerade einen aufschlussreichen Vortrag über die theologische Bedeutung der messianischen Bewegung für die jüdisch-christlichen Beziehungen gehalten. Zu Recht hat er darauf hingewiesen, dass das Wiederaufleben des messianischen Judentums im Licht der Geschichte des christlichen Supersessionismus und Antijudaismus, der Schoah, der Gründung des Staates Israel und des Zweiten Vatikanischen Konzils betrachtet werden muss.
Anschließend hat Richard fünf wesentliche Merkmale der messianischen Bewegung herausgestellt:
- Messianisches Judentum als eschatologisches Zeichen: Wie uns die Heilige Schrift sagt, weist die Anerkennung Jeschuas als Messias Israels durch die Juden darauf hin, dass seine Wiederkunft sehr nahe ist (vgl. Mt 23,38–39; Lk 13,35).
- Messianisches Judentum als Brücke der Verständigung zwischen Kirche und Synagoge: Messianische Juden sind für den Leib des Messias ein lebendiges Hoffnungszeichen dafür, dass ganz Israel gerettet werden wird (vgl. Röm 11,26).
- Messianisches Judentum als Erweis der Treue Gottes: Die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Verheißene Land ist ein Zeichen dafür, dass Gott seinen Plan für sein Volk erfüllen wird, indem er es nicht nur in das Land, sondern auch zu sich selbst zurückführt.
- Judentum im Messias: Messianische Juden sind für die Kirche und für Israel ein Zeichen dafür, was es bedeutet, „Kirche Israels“ zu sein. Damit stellt sich die Frage nach der Rolle der Tora im messianischen Zeitalter.
- Messianisches Judentum als „fehlendes Bindeglied“ zwischen Kirche und Israel: Die Bewegung wird gebraucht, um den „einen neuen Menschen“ sichtbar zu machen, von dem der heilige Paulus spricht (Eph 2,15). In ihm bestehen die unterschiedlichen jüdischen und nichtjüdischen Identitäten in einer Einheit fort.
Richard schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass die Existenz der messianischen Bewegung Folgen für die christliche Theologie hat, insbesondere für die Christologie, Soteriologie und Ekklesiologie. Ich möchte das Gespräch dort fortsetzen, wo er aufgehört hat.
3. Judentum und Katholizismus: Gemeinsamkeiten und Errungenschaften
Der katholisch-messianisch-jüdische Dialog ist eng mit dem umfassenderen jüdisch-katholischen Dialog verbunden und unterscheidet sich doch von ihm. Deshalb ist es hilfreich, daran zu erinnern, was seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf diesem Gebiet erreicht worden ist. In der Erklärung Nostra Aetate und in nachfolgenden Dokumenten hat die katholische Kirche offiziell:
- die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens anerkannt;
- die jüdische Identität Jesu und der Apostel bekräftigt;
- bestätigt, dass Gottes Bund, seine Gaben und seine Berufung für das jüdische Volk unwiderruflich sind, und damit die supersessionistische Tradition zurückgewiesen, nach der die Kirche die Juden als Volk des Bundes ersetzt habe;
- den Vorwurf des „Gottesmordes“ und die angebliche Verantwortung der Juden für den Tod Christi zurückgewiesen;
- jede Form des Antisemitismus zurückgewiesen;
- zu einer Haltung demütiger Reue über die Sünden ermutigt, die Christen im Lauf der Geschichte an Juden begangen haben;
- marcionitische Tendenzen zurückgewiesen, die Gott, wie er im Alten Testament dargestellt wird, dem Gott des Neuen Testaments gegenüberstellen;
- bekräftigt, dass die jüdische Religion zu unserer eigenen christlichen Religion „innerlich“ gehört.
4. Herausforderungen und Chancen für Katholiken
Vor dem Hintergrund dieser Errungenschaften möchte ich einige Herausforderungen und Chancen für Katholiken benennen. Anschließend werde ich einige Herausforderungen und Chancen für messianische Juden aufzeigen.
Haben sich die meisten Katholiken diese grundlegenden Einsichten zu eigen gemacht?
Zweifellos sind in den jüdisch-christlichen Beziehungen in den fast fünfzig Jahren seit Nostra Aetate gewaltige Fortschritte erzielt worden. Mit der endgültigen Zurückweisung des Supersessionismus und der „Lehre der Verachtung“ durch die Kirche hat sich die Haltung der Katholiken gegenüber Juden und Judentum deutlich verändert. Dennoch können wir uns fragen, ob diese Grundsätze über ein elementares oder oberflächliches Verständnis hinaus im Herzen und Denken der Katholiken Wurzeln geschlagen haben. Die meisten Katholiken erkennen beispielsweise an, dass Jesus Jude war und dass das Christentum seine Existenz der Offenbarung Gottes an das jüdische Volk im Alten Testament verdankt. Doch wie verstehen sie ganz konkret die Tatsache, dass Gottes Bund mit dem jüdischen Volk unwiderruflich ist? Ich vermute, dass viele Katholiken Nostra Aetate zustimmen und zugleich, bewusst oder unbewusst, an zahlreichen Voraussetzungen der Ersatztheologie festhalten.
Ich möchte mich auf zwei wesentliche Streitfragen konzentrieren, die meines Erachtens noch immer von einer supersessionistischen Denkweise beeinflusst sind: die Tora und das Land Israel.
a) Die Tora
Jesu Aussage, dass er nicht gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen (Mt 5,17), ist allgemein bekannt. Aus meiner Erfahrung im Priesterseminar weiß ich, dass die meisten meiner Studenten diesen Satz kennen. Wenn ich sie jedoch bitte zu erklären, was er wirklich bedeutet, stellt sich oft heraus, dass ihr Verständnis von „erfüllt“ kaum von „aufgehoben“ zu unterscheiden ist. Ich glaube, diese Reaktion ist typisch für viele Katholiken. Sie mögen anerkennen, dass Jesus die Tora nicht aufgehoben, sondern „erfüllt“ hat, verstehen darunter aber, dass ihre Gebote und Verheißungen tatsächlich für niemanden mehr verbindlich seien, auch nicht für Juden. Daher, so würden sie sagen, müssten getaufte Juden nicht mehr den Sabbat halten, das Pessachfest feiern oder koscher essen. Da all dies in Christus „erfüllt“ sei, sollten jüdische Gläubige nun sonntags die Messe besuchen, Weihnachten und Ostern feiern und sich keine Gedanken darüber machen, ob sie mittags einen Cheeseburger mit Speck essen.
Zwar brachte die Einsetzung des Neuen Bundes eine erhebliche Veränderung in der Rolle der Tora mit sich. Dennoch ist dieses Verständnis von „erfüllt“ als „praktisch aufgehoben“ problematisch. Ich glaube, die Schwierigkeit liegt darin, dass nicht zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen unterschieden wird. Wie Richard Harvey in seinem Vortrag anmerkte, schließt der „eine neue Mensch“ in Christus unterschiedliche Rollen für jüdische und nichtjüdische Gläubige in der Kirche nicht aus.
Diese Unterscheidung findet ihre Begründung im Neuen Testament. Einerseits beschlossen die Apostel auf dem Konzil von Jerusalem, dass Nichtjuden nicht judaisiert werden müssten, also sich nicht beschneiden lassen und zur Einhaltung der Tora verpflichtet werden müssten, um Christen zu werden (Apg 15,1–31). Doch auch die umgekehrte Aussage gilt. Die gesamte Diskussion in Apostelgeschichte 15 setzt nämlich voraus, dass jüdische Christen die Tora weiterhin beachten. Warum hätten die Ältesten darüber beraten sollen, ob Nichtjuden zur Einhaltung des Gesetzes verpflichtet sind, wenn die jüdischen Christen selbst es bereits aufgegeben hätten? Ohne die Voraussetzung, dass jüdische Christen in der Apostelgeschichte weiterhin die Tora halten, wäre die gesamte Diskussion in Kapitel 15 sinnlos.
Betrachten wir außerdem die Rückkehr des Paulus nach Jerusalem am Ende seiner dritten Missionsreise (Apg 21). Nachdem Paulus Jakobus und den Ältesten von Gottes machtvollem Wirken unter den Nichtjuden berichtet hat, antworten sie ihm begeistert mit Nachrichten über das Wachstum der jüdischen Kirche in Jerusalem:
Du siehst, Bruder, wie viele Tausende unter den Juden zum Glauben gekommen sind; sie alle sind Eiferer für das Gesetz… (Apg 21,20)
Mit anderen Worten: Die jüdischen Gläubigen in Jerusalem freuen sich darüber, dass viele Juden zum Glauben an Jeschua gekommen sind. Doch weit davon entfernt, die Einhaltung der Gebote aufzugeben, sind diese neuen Gläubigen geradezu Eiferer für die Tora. Jakobus und die Ältesten scheinen dann ein Missverständnis über Paulus vorwegzunehmen, das sich durch einen großen Teil der Kirchengeschichte gezogen hat und auch heute noch von den meisten Christen geteilt wird:
Man hat ihnen aber über dich erzählt, du lehrtest alle Juden, die unter den Heiden leben, von Mose abzufallen, und sagtest ihnen, sie sollten ihre Kinder nicht beschneiden und sich nicht an die Bräuche halten. (Apg 21,21)
Kommt Ihnen das bekannt vor? Paulus wird beschuldigt, Juden von der Tora, vom Bund der Beschneidung und von der Einhaltung der Gebote wegzuführen. Anders gesagt: Man behauptet, Paulus sage den jüdischen Gläubigen: „Jetzt, da ihr zum Messias und zum Neuen Bund gekommen seid, müsst ihr diese alten Vorschriften, Gebote und Bräuche nicht mehr beachten. Von all dem seid ihr befreit worden.“
Wie antworten Jakobus und die Ältesten? Sie sagen Paulus, er solle sich Männern anschließen, die ein Gelübde abgelegt haben, damit „alle erkennen, dass an dem, was man ihnen über dich erzählt hat, nichts ist, sondern dass auch du selbst nach dem Gesetz lebst und es beachtest“ (Apg 21,24). Paulus kommt der Aufforderung nach und vollzieht am nächsten Tag den Reinigungsritus, um zu beweisen, dass die Gerüchte über ihn falsch sind und dass er tatsächlich weiterhin im Einklang mit der Tora und den Mizwot lebt.
In ähnlicher Weise werden die Briefe des heiligen Paulus, insbesondere der Galater- und der Römerbrief, oft missverstanden. Ein Schlüssel zu ihrem Verständnis ist die Erinnerung daran, dass sie an nichtjüdische Christen geschrieben wurden, nicht an jüdische Gläubige. Übersieht man diesen entscheidenden Punkt, kann eine oberflächliche Lektüre von Stellen wie Galater 2, insbesondere Gal 2,16–21, den Eindruck erwecken, Paulus schaffe die Tora insgesamt ab. Eine genaue Lektüre im Zusammenhang zeigt jedoch seinen wesentlichen Punkt: Die Tora ist weder für Juden noch für Nichtjuden heilbringend. Nichtjuden sollten nicht nach der Beschneidung streben (vgl. Gal 2,3), denn der Bund der Beschneidung wurde ihnen nie gegeben. Jüdische Christen können weiterhin beschnitten werden, wie im Fall des Timotheus (vgl. Apg 16,3). Es muss jedoch klar sein, dass sie nicht durch die Beschneidung und die Einhaltung der Gebote gerettet werden, sondern durch ihren Glauben an Jeschua, den Messias. Die Beachtung der Mizwot durch jüdische Christen ist somit eine Antwort der Liebe auf Gottes unverdientes Heil und zugleich ein bleibendes Zeugnis der Treue zu Gottes fortbestehendem Bund mit Israel.
Was bedeuten diese Grundsätze konkret für unsere Zeit? Katholiken sollten toratreue jüdische Gläubige, die weiterhin die Gebote der Tora und die jüdischen Bräuche beachten möchten, annehmen und willkommen heißen. Es widerspricht dem katholischen Glauben in keiner Weise, den Sabbat zu halten, die koscheren Speisegesetze zu beachten, die jüdischen Feste zu feiern oder jüdische Gebete zu sprechen. Im Gegenteil: Nichtjüdische Katholiken können viel aus der Wiederentdeckung dieser biblischen Praktiken lernen. Auch wenn sie nicht zu deren Einhaltung verpflichtet sind, werfen diese Praktiken doch viel Licht auf unseren eigenen christlichen und katholischen Glauben. Das erlebe ich täglich im Unterricht, wenn ich meinen Studenten hebräische Lieder und Gebete beibringe und sie mit den jüdischen Festen vertraut mache, etwa indem wir Rosch Haschana mit Äpfeln und Honig feiern oder ich einen Pessach-Seder organisiere.
b) Israel und Zionismus
Die christliche Hoffnung richtet sich auf das „neue Jerusalem“ und das „himmlische Verheißene Land“. Wir wissen, dass das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist (Joh 18,36) und dass unsere wahre Heimat im Himmel liegt (Phil 3,20). Bedeutet unser himmlisches Ziel aber, dass Gottes Verheißung des Landes Israel an das jüdische Volk nun „erfüllt“ ist, und zwar im Sinne von „aufgehoben“? Hat der schmale Landstreifen zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan seit dem Kommen Christi jede Bedeutung für den Verlauf der Heilsgeschichte verloren?
Wir wissen, dass die Gabe des Landes Israel an das Volk Israel zu den am häufigsten wiederholten Verheißungen des Alten Testaments gehört (vgl. etwa Am 9,14–15; Jes 11,10–12; Zef 3,16; Jer 16,14–16; Ez 11,16–20; 36,24–28 und „Biblical Revelation and the Land of Israel“). Diese Verheißung wurde im Neuen Testament nie widerrufen. Im Gegenteil: Stellen wie Lukas 21,24 („Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind“) scheinen darauf hinzudeuten, dass die nichtjüdische Herrschaft über Jerusalem eines Tages enden und Jerusalem wieder in jüdische Hände gelangen wird.
Die Kirche hat sich mit einer Unterstützung des Zionismus zurückgehalten, unter anderem wegen der prekären Lage der Christen im Nahen Osten, die inmitten einer feindseligen muslimischen Mehrheit leben. Zugleich haben mehrere einflussreiche Stimmen ihre Unterstützung für den jüdischen Staat als Erfüllung biblischer Prophetie zum Ausdruck gebracht, darunter Papst Johannes Paul II., Kardinal Christoph Schönborn und Pater Raniero Cantalamessa.
Natürlich darf der moderne säkulare Staat Israel nicht als eine Art messianische Erscheinungsform des Reiches Gottes betrachtet werden. Können wir aber die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land, das Gott seinen Vätern verheißen hat, wirklich als bloßen „Zufall der Geschichte“ ansehen? Wenn Katholiken die Lehre der Kirche ernst nehmen, dass Gottes Bund, seine Gaben und seine Verheißungen für das jüdische Volk unwiderruflich sind, sollten wir dann nicht auch Gottes Hand in der heutigen Rückkehr und Gegenwart der Juden im Land Israel erkennen? Darin besteht meine zweite Herausforderung an die supersessionistische Denkweise: Katholiken sollten Israel nicht nur aus politischer Zweckmäßigkeit unterstützen, sondern vor allem deshalb, weil die Rückkehr der Juden in das Verheißene Land ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk und der Erfüllung der alten Verheißungen an dessen Väter ist.
5. Herausforderungen und Chancen für messianische Juden
In meiner Erfahrung mit dem Dialog zwischen messianischen Juden und Christen habe ich bisweilen eine unausgesprochene Annahme bemerkt: Nur eine Seite, insbesondere die christliche, sei dazu aufgefordert, sich zu verändern. Einerseits ist das durchaus verständlich. Die messianische Bewegung ist jung und noch relativ verletzlich. Die traditionellen christlichen Konfessionen tragen die Last einer langen Geschichte des Supersessionismus und des christlichen Antisemitismus, der sie sich stellen müssen. Daher ist es gerecht, dass Christen den größeren Teil der Verantwortung dafür übernehmen, Reue zum Ausdruck zu bringen und auf die Versöhnung mit ihren jüdischen Brüdern und Schwestern im Messias hinzuarbeiten.
Andererseits bin ich in Gesprächen mit messianischen Gläubigen oft auf Haltungen gestoßen, die sich in Bemerkungen wie diesen äußerten: „Diese Katholiken sind gar nicht so schlimm, wie ich dachte!“, oder „Vielleicht sind sogar einige Katholiken gerettet“, oder „Gelobt sei der Herr, endlich kehren einige Katholiken um und geben zu, dass sie mit der Ersatztheologie falschlagen und dass Gottes Bund mit Israel noch immer gültig ist …“
Solche Haltungen spiegeln etwas wider, das ich gern „Ersatztheologie zweiten Grades“ nenne. So wie Katholiken und andere traditionelle Christen den Supersessionismus fortführten, indem sie behaupteten: „Gott hat das jüdische Volk verworfen, und jetzt sind WIR das auserwählte Volk Gottes“, fürchte ich, dass sich mitunter auch unter manchen messianischen Gläubigen Spuren einer ähnlichen Haltung finden. Sie würden etwa sagen: „Die Katholiken haben die biblische Botschaft verfälscht und sich mit all ihren menschengemachten Lehren verirrt; jetzt sind WIR es, die zur wahren, biblischen Form des Glaubens an Jeschua zurückkehren.“
Es besteht also die Gefahr einer neuen Form der „Ersatztheologie“, bei der sich messianische Gläubige als die neuen „wahren Gläubigen“ betrachten, die den „richtigen Glauben wiedergefunden“ hätten, im Gegensatz zu den Irrtümern und Abweichungen des traditionellen Christentums. Ein solcher geistlicher Elitismus muss selbstverständlich von allen Seiten zurückgewiesen werden. Im Dialog zwischen Katholiken und messianischen Juden müssen beide Seiten bereit sein, einander brüderlich herauszufordern und sich selbst demütig zu prüfen.
Die protestantischen Grundlagen des messianischen Judentums
Wie Richard erwähnt hat, befindet sich die messianisch-jüdische Bewegung in einer schwierigen Lage: Sie bildet eine Brücke zwischen Synagoge und Kirche und läuft dabei oft Gefahr, von beiden Seiten missverstanden und nicht vollständig angenommen, wenn nicht gar offen abgelehnt zu werden. Trotz dieser Herausforderung hat das messianische Judentum das Potenzial, „das Beste aus beiden Welten“ zu bieten, indem es die Reichtümer von Judentum und Christentum lebt, zusammenführt und miteinander versöhnt. Allerdings läuft die messianische Bewegung auch Gefahr, mit der Lehre willkürlich und selektiv umzugehen, sodass eine Mischung aus „Judentum light“ und „Christentum light“ entsteht. Dieses Phänomen habe ich in einigen Gemeinden in Israel beobachtet. Dort definieren messianische Gläubige ihre Identität häufig über eine persönliche Beziehung zu Jeschua, die sie von „Religion“ abgrenzen und manchmal sogar zu ihr in Gegensatz stellen. Diese Form des Glaubens geht oft mit einer ausdrücklichen Ablehnung der Traditionen und Bräuche sowohl des orthodoxen Judentums als auch des katholischen Christentums einher.
Doch während messianische Juden ihre Identität als Gläubige an Jeschua auf ausdrücklich jüdische Weise zu bestimmen suchen und sich bewusst vom traditionellen Christentum absetzen, liegt die Ironie darin, dass die meisten theologischen Grundpfeiler ihres Glaubens in Wirklichkeit stark vom evangelikalen Protestantismus beeinflusst sind.
Während meiner Jahre als evangelikaler Christ in der messianischen Bewegung wurden mir diese protestantischen Grundlagen immer deutlicher, und ich begann, sie zu hinterfragen. Außerdem hatte ich zunehmend das Gefühl, dass in den messianischen Gemeinden, die ich besuchte, etwas fehlte. Je mehr ich nicht nur das Neue Testament und die frühe Kirche, sondern auch den Tanach und die jüdische Tradition studierte, desto mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass dieses „Fehlen von etwas“ tatsächlich eine „reale Abwesenheit“ war. Ihr konnte nur durch eine Rückkehr zur Kirche der Apostel und die Wiederentdeckung der Realpräsenz des Herrn in der Eucharistie abgeholfen werden. Ich möchte kurz auf fünf wesentliche Punkte eingehen, die mich auf diesem Weg geleitet haben.
a) Ekklesiologie und Autorität: die Bibel und die Kirche
Am Fundament unseres Glaubens stehen die Fragen: „Was müssen wir glauben?“ und „Worauf gründet unser Glaube daran?“ Anders gesagt: Aufgrund welcher Autorität glauben wir, was wir glauben, und welchen Grad an Gewissheit haben wir darüber? Nach einigen Jahren in der messianischen Bewegung beunruhigte mich zunehmend das „Lehrchaos“, das in den Gemeinden herrschte, die ich besuchte. Gemeinden, Pastoren und Gläubige schienen in ihrem Verständnis der Heiligen Schrift so weit auseinanderzuliegen, dass kaum Gewissheit darüber zu gewinnen war, was man glauben sollte. Gewiss sind manche Fragen, die unter messianischen Juden diskutiert werden, unvermeidlich und durchaus berechtigt. Dabei denke ich vor allem an die bereits angesprochenen Themen, etwa die Rolle der Tora für jüdische Gläubige und die theologische Bedeutung des Landes Israel. Messianische Juden stellen diese Fragen zu Recht und fordern damit die traditionellen, supersessionistisch geprägten christlichen Auffassungen heraus.
Andererseits können wir uns fragen, ob manche der in messianischen Gemeinden diskutierten Fragen nicht darauf hinauslaufen, ständig das Rad neu zu erfinden und alte Streitfragen wieder aufzuwärmen, die die Kirche längst geklärt hat. Beispiele sind Fragen zur Dreifaltigkeit, zur Christologie und Soteriologie, zum Wesen der Taufe, der Eucharistie und der anderen Sakramente sowie zu grundlegenden moralischen Themen.
Selbst wenn man dem nichtdogmatischen Charakter des Judentums und dem bekannten Sprichwort „Zwei Juden, drei Meinungen“ Rechnung trägt, drängt sich die Frage auf: Kann es wirklich der Wille des Herrn sein, dass unter den Gläubigen in so vielen zentralen Fragen unseres Glaubens so wenig Einheit herrscht? Dieser Mangel an Einheit in Glaubensfragen geht natürlich auf zwei grundlegende protestantische Annahmen zurück, die die meisten jüdischen Gläubigen übernommen haben. Die erste ist Sola Scriptura, die Überzeugung, dass die Bibel allein ausreicht, um alles zu wissen, was wir für unser Leben als Gläubige wissen müssen. Die zweite ist eine protestantische Ekklesiologie, nach der die Kirche als unsichtbarer Leib aller „wahren Gläubigen“ verstanden wird, ohne wirkliche Struktur, Hierarchie oder zentrale Autorität, die verbindliche und verlässliche Entscheidungen in Glaubensfragen treffen könnte.
Das Problem dieser protestantischen Annahmen liegt darin, dass beide unbiblisch und dem Judentum recht fremd sind. Die Lehre von Sola Scriptura findet sich nirgends in der Bibel: Die Heilige Schrift beansprucht nie, die einzige maßgebliche Richtschnur zu sein, der Gläubige unabhängig von jeder legitimen religiösen Autorität oder mündlichen Überlieferung folgen sollten. Wir wissen um die Bedeutung der mündlichen Tora und der rabbinischen Tradition im Judentum. Ja, Jesus warnte vor der „Überlieferung der Menschen“, wenn sie Gottes Geboten entgegensteht. Doch er bestätigte auch die Autorität der Schriftgelehrten und Pharisäer, die „auf dem Stuhl des Mose sitzen“ (Mt 23,2–3). Auch der heilige Paulus erkannte die Bedeutung mündlicher Überlieferung an und ermahnte seine Leser: „Steht also fest und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief“ (2 Thess 2,15; vgl. 1 Kor 11,2). Selbst im Tanach begegnet uns die göttliche Offenbarung nie ausschließlich auf die Seiten eines heiligen Buches beschränkt, sondern als lebendiges Wort, vermittelt durch das dreifache Amt des Priesters, Propheten und Königs.
Ich weiß, dass die Behauptung, Jeschua habe die katholische Hierarchie und das Papstamt eingesetzt, für die meisten messianischen Juden schwer anzunehmen ist. Aber was wäre, wenn sie wahr wäre? Was wäre, wenn der Herr tatsächlich den Petrusprimat begründet hätte, indem er Petrus die Schlüssel des Himmelreiches gab (Mt 16,18–19; vgl. Lk 22,31–32; Joh 21,15–17) und ihm und den Aposteln die Vollmacht verlieh, auf Erden zu binden und zu lösen (Mt 18,18)? Was wäre, wenn diese von Gott eingesetzte Autorität tatsächlich durch Handauflegung (1 Tim 4,14) an die Nachfolger der Apostel weitergegeben worden wäre (vgl. die Wahl des Matthias als Ersatz für Judas, Apg 1,15–26), damit sie das, was sie von den Aposteln gehört hatten, den ihnen nachfolgenden Bischöfen und Presbytern anvertrauen konnten, „zuverlässigen Menschen, die fähig sein werden, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2; vgl. Tit 1,5)?
Was wäre, wenn es wirklich der Wille des Herrn gewesen wäre, die Kirche mit der Gabe der Unfehlbarkeit auszustatten, damit wir dank des kirchlichen Lehramtes, also des Papstes in Gemeinschaft mit den Bischöfen, Gewissheit und Vertrauen darüber haben könnten, was Gott geoffenbart hat, was wir glauben und wie wir leben sollen, nämlich in wesentlichen Fragen des Glaubens und der Moral?
Wir wissen, dass die frühen Gläubigen anerkannten, dass der Herr eine hierarchisch verfasste Kirche gegründet hatte. Bereits im frühen zweiten Jahrhundert schrieb der heilige Ignatius von Antiochien wiederholt darüber, wie wichtig es sei, sich der dreifachen Ordnung von Bischof, Priester und Diakon zu unterstellen, um in Gemeinschaft mit der Kirche zu bleiben. Der heilige Irenäus von Lyon betonte die Bedeutung der apostolischen Sukzession, die auf Petrus und Paulus zurückgeht, um die wahre Kirche von häretischen Gruppen zu unterscheiden. Und der frühkirchliche Historiker Eusebius berichtet von einer Reihe von fünfzehn jüdischen Bischöfen Jerusalems, deren Nachfolge bis auf den Apostel Jakobus zurückgeht.
Jeschua versprach seinen Aposteln, der Geist der Wahrheit werde sie in die ganze Wahrheit führen (Joh 16,13). Wenn es stimmt, wie viele messianische und evangelikale Gläubige behaupten, dass die Kirche schon bald vom Weg abkam und „heidnisch“ wurde, indem sie zahlreiche dem Judentum und der Bibel fremde katholische Glaubensvorstellungen übernahm, unterstellen wir damit dann nicht, dass Jeschua daran gescheitert ist, das Glaubensgut zu bewahren, das er seinen Jüngern zum Wohl der universalen Kirche anvertraut hatte?
Was aber, wenn der Petrusprimat, das kirchliche Lehramt, die apostolische Sukzession und das Weihesakrament ein Segen, eine Gabe und ein Schlüssel zur Einheit für alle Gläubigen sind, für Juden und Nichtjuden? Mit dem Katechismus der Katholischen Kirche haben wir ein großes Geschenk erhalten, das uns Gewissheit darüber gibt, was wir glauben und wie wir leben sollen. Er bewahrt treu das Glaubensgut, das Jesus den Aposteln übergeben hat und das sich in der heiligen Überlieferung der Kirche unter der Führung des Heiligen Geistes organisch entfaltet hat. Warum sollten nicht auch messianische Juden von dieser Gabe und diesem Segen profitieren?
b) Soteriologie
Ein weiterer protestantischer Grundpfeiler, den messianische Juden häufig übernehmen, ist die Vorstellung von der Rettung allein durch den Glauben, auch sola fide genannt. Obwohl darüber keine allgemeine Einigkeit besteht, habe ich festgestellt, dass viele messianische Gläubige Luthers Auffassung akzeptieren, der Mensch werde allein durch den Glauben gerettet, unabhängig von seinen Werken. Daraus leitet sich die Lehre ab: „Einmal gerettet, immer gerettet.“
Einerseits beruhen diese Positionen zum Teil auf einem Missverständnis der katholischen Heilslehre: Entgegen einer verbreiteten Vorstellung lehrt die katholische Kirche nicht, dass wir uns „den Himmel durch Werke verdienen“ könnten. Der Katechismus bekräftigt, dass wir aus Gnade durch den Glauben gerechtfertigt werden: „Die Rechtfertigung wurde uns durch das Leiden Christi verdient, der sich am Kreuz als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe dargebracht hat“ (KKK 1992).
Und doch sehen wir sowohl im Tanach als auch im Neuen Testament, dass der Mensch an dem von Gott angebotenen Heil mitwirken und auf sein Angebot antworten muss, um im Bund zu bleiben. Der Gedanke einer Rechtfertigung allein durch den Glauben ist dem Judentum natürlich recht fremd. Seine starke Betonung der Halacha unterstreicht die Bedeutung der Einhaltung der Gebote als wesentliche Antwort auf Gottes Bund und Gnade. Ebenso bekräftigt die Kirche: „Die Rechtfertigung begründet ein Zusammenwirken zwischen der Gnade Gottes und der Freiheit des Menschen“ (KKK 1993).
Entgegen verbreiteten evangelikalen Auffassungen, die messianische Gläubige häufig übernehmen, ist Rechtfertigung in der Bibel nichts, das man zu einem einzigen Zeitpunkt empfängt, wie es Aussagen wie „Ich wurde an diesem oder jenem Tag gerettet …“ nahelegen. Vielmehr handelt es sich um einen lebenslangen Prozess auf der Grundlage einer beständigen Bundesbeziehung mit Gott. Das sehen wir in den Schriften des heiligen Paulus, der das Heil der Gläubigen als vergangenes Ereignis beschreibt („wir wurden gerettet …“, Röm 8,24; Eph 2,5–8), als gegenwärtigen Prozess, der von unserer Treue abhängt („ihr werdet gerettet, wenn ihr an dem Wort festhaltet, das ich euch verkündet habe“, 1 Kor 15,2; vgl. 2 Kor 2,15), und ebenso als zukünftiges Ereignis („Wir haben die Hoffnung, dass wir gerettet werden“, Röm 5,9–10; vgl. Röm 13,11; 1 Kor 3,12–15).
Kann es wirklich Gottes Wille sein, dass in einer so lebenswichtigen Frage wie der nach dem Heil und der Rechtfertigung so viel Uneinigkeit und Verwirrung herrscht? Auch hier gilt: Wenn es wahr ist, dass der Heilige Geist die katholische Kirche in ihrer Lehre geführt hat, können wir dank der Lehre des Katechismus über Gnade und Rechtfertigung mit froher Zuversicht wissen, was wir glauben sollen.
Eine weitere wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist die Möglichkeit des Heils für Juden, die nicht an Jesus glauben, oder für Menschen, die aufrichtig Gott suchen, Christus aber nicht kennen. Können sie gerettet werden? Überlässt man diese Fragen dem persönlichen Urteil und der privaten Schriftauslegung, gibt es eine Fülle widersprüchlicher Meinungen: von der fundamentalistischen Auffassung, die alle Nichtgläubigen zur Hölle verurteilen würde, bis zur relativistischen Auffassung, Angehörige aller Religionen könnten allein dadurch in den Himmel kommen, dass sie „gute Menschen“ seien. Auch hier ist es nicht nötig, das Rad neu zu erfinden oder über Fragen zu streiten, die längst geklärt sind. Während der Katechismus die Notwendigkeit Christi und der Kirche als Weg zum Heil bekräftigt, erkennt er zugleich an, dass Gottes Barmherzigkeit diejenigen erreichen kann, die ohne eigene Schuld Christus und die Kirche nicht kennen (KKK 846–848).
c) Liturgie und Sakramente
Durch das Weihesakrament und die apostolische Sukzession hat uns Jeschua die sieben Sakramente als Quellen seines Lebens und seiner Liebe in Fülle geschenkt. Ohne eine umfassende apologetische Abhandlung über Liturgie und Sakramente zu versuchen, möchte ich auf die beiden Sakramente eingehen, die Katholiken regelmäßig empfangen und die mein Leben tief geprägt haben.
Wie kann ich die Kraft und Gnade angemessen beschreiben, die der Herr uns im Sakrament der Versöhnung, der Beichte, schenkt? Dieses Sakrament hat mein Leben seit meiner Rückkehr zur Kirche tiefgreifend verändert. Zwar vertraute ich während meiner Jahre als evangelikaler Christ darauf, dass Gott mir meine Sünden vergab, wenn ich sie ihm unmittelbar bekannte. Doch hatte ich immer das Gefühl, dass meinen einsamen, an den Himmel gerichteten Bekenntnissen etwas Greifbares fehlte. Wir wissen, dass das Volk Gottes im biblischen Judentum die Vergebung seiner Sünden durch die Opferliturgie im Tempel und die Vermittlung der aaronitischen Priester empfing. Gewiss ist der Messias als das letzte und endgültige Opfer gekommen, um unsere Sünden zu sühnen und uns seine Vergebung zu schenken. Doch wie teilt er uns diese Versöhnung mit? Hat er nicht am Ende des Johannesevangeliums den Aposteln die Vollmacht zur Sündenvergebung verliehen, als er zu ihnen sagte: „Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,22–23)? Wer die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn im Sakrament der Versöhnung erfahren hat, kann kaum anders, als sich zu wünschen, dass jeder Gläubige, besonders aber jüdische Gläubige, diesen Segen der Versöhnung und der heiligmachenden Gnade im Sakrament ebenfalls in seiner ganzen Fülle empfangen könnte.
Noch stärker wird dieser Wunsch, wenn ich an die heilige Messe und das Sakrament der Eucharistie denke. Als ich zur Kirche zurückkehrte, staunte ich über die biblischen und jüdischen Wurzeln der Messe. Noch mehr staunte ich über die Gnaden, die ich durch die Realpräsenz des Herrn in der heiligen Eucharistie erfahren durfte. Um ein Bild aufzugreifen, dem ich einmal begegnet bin: Das Leben eines Gläubigen ohne die Eucharistie gleicht einem Abend in einem ausgezeichneten Restaurant, an dem man nur die Speisekarte liest, ohne je am Mahl teilzunehmen. So sehr ich die Heilige Schrift liebe und schätze: Welch ein Verlust ist es, täglich das Wort zu studieren, ohne jemals an den eucharistischen Tisch des Herrn treten zu können! Obwohl der Herr unbestreitbar in allen gottesfürchtigen Gemeinden geistlich gegenwärtig ist, die nach seinem Wort zu leben versuchen, ist es tragisch, dass seine eucharistische Realpräsenz in vielen von ihnen mangels apostolischer Sukzession und gültiger Weihe nicht zu finden ist.
Hat der Herr nicht zu seinen Jüngern gesagt: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch“ (Joh 6,53)? Wir wissen, dass viele an diesen Worten Anstoß nahmen und sie nicht annehmen konnten, sodass sie Jesus verließen (Joh 6,66). Und doch standen Jeschuas Worte in vollkommener Kontinuität mit der biblischen Überlieferung, nach der das Pessachlamm gegessen werden musste, damit die Erstgeborenen der Israeliten vor dem Todesengel in Ägypten gerettet wurden (Ex 12,8). Ebenso standen sie in Kontinuität mit der Überlieferung, dass das Fleisch der Heilsopfer im Tempel als Zeichen der Gemeinschaft des Volkes mit Gott gegessen werden musste (Ex 24,11; Lev 7,11).
Bei seinem letzten Pessachmahl sagte Jeschua zu seinen Jüngern: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19). Die frühesten christlichen Schriften bezeugen den Glauben an die Realpräsenz des Herrn in der Eucharistie, die durch das Weihesakrament ermöglicht wird. Wie sollten wir uns nicht danach sehnen, dass messianische Juden in die volle Gemeinschaft mit der Kirche eintreten, damit auch sie am Mahl des Herrn teilnehmen und die Wunder seiner eucharistischen Gegenwart und Liebe erfahren können?
d) Sabbat und Sonntag
„Gott hat Israel den Sabbat anvertraut, damit es ihn zum Zeichen des unverbrüchlichen Bundes halte“ (KKK 2171).
Das Gebot, des Schabbats zu gedenken und ihn zu halten, erinnert sowohl an Gottes Schöpfungswerk als auch an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens (Ex 20,8–11; Dtn 5,12–15; KKK 2169–2170). Wie wir wissen, ist Jeschua am ersten Tag der Woche auferstanden (Mt 28,1; Mk 16,2; Lk 24,1; Joh 20,1). Deshalb versammelten sich die ersten Gläubigen schon bald am Sonntag zum Gebet, um der „mit der Auferstehung Christi angebrochenen neuen Schöpfung“ zu gedenken (Apg 20,7; KKK 2174). So wurde der Sonntag für die Christen zum „ersten aller Tage, zum ersten aller Feste“, zum „Tag des Herrn“ (KKK 2174) und zur „Vollendung des Sabbats“ (KKK 2175). Doch wie ich bereits erläutert habe, bedeutet „Erfüllung“ nicht „Aufhebung“. Für die frühen jüdischen Christen wäre die Vorstellung, Jesus habe den Sabbat abgeschafft, das Zeichen des Bundes Gottes mit Israel selbst, undenkbar gewesen.
Trotz der Vorrangstellung des siebten Tages im Tanach gibt es jedoch Anzeichen dafür, dass der achte Tag für Israel eine besondere Bedeutung hat. Seit der Zeit Abrahams werden jüdische Jungen am achten Tag beschnitten und treten in den Bund mit Gott ein (Gen 17,12). Die aaronitischen Priester begannen ihren Dienst im Heiligtum am achten Tag, nach sieben Tagen der Vorbereitung und Weihe (Lev 9). Und das Laubhüttenfest mit seiner reichen eschatologischen Bedeutung beschließt seine Festwoche am achten Tag mit dem großen Fest Schemini Azeret.
Ein Artikel mit dem Titel „The Eighth Dimension“ auf der orthodox-jüdischen Website Chabad beschreibt die übernatürliche und übergeschichtliche Dimension des achten Tages:
Wenn die Zahl Sieben die natürliche Wirklichkeit bestimmt, steht die Acht für das, was über die Natur hinausgeht, für den Umfang, der den Kreis der Schöpfung umschließt.
Die Sieben umfasst sowohl Materie als auch Geist, sowohl Weltlichkeit als auch Heiligkeit, sowohl Einbindung als auch Transzendenz, jedoch als getrennte und voneinander unterschiedene Bestandteile des Schöpfungszyklus. Die siebte Dimension wird ihren Einfluss auf die anderen sechs ausüben, aber nur auf transzendente Weise, als eine geistliche, jenseitige Wirklichkeit, die niemals wirklich verinnerlicht und in das System integriert wird. Im Gegensatz dazu steht die Acht für das Eintreten einer Wirklichkeit, die jenseits aller Natur und jeder Definition liegt, einschließlich der Definition „Transzendenz“. Diese achte Dimension, wenn wir sie eine „Dimension“ nennen können, kennt keinerlei Grenzen: Sie übersteigt und durchdringt alles, jenseits der Natur und doch vollständig in ihr gegenwärtig, gleichermaßen jenseits von Materie und Geist und gleichermaßen in beiden gegenwärtig.
Derselbe Artikel erklärt:
Auf das messianische siebte Jahrtausend der Geschichte wird die übergeschichtliche „kommende Welt“ (olam ha-ba) folgen, in der sich die göttliche Wirklichkeit mit der geschaffenen Wirklichkeit auf eine Weise vereinen wird, über die wir in einer Welt, in der Endliches und Unendliches einander ausschließen, nicht einmal Vermutungen anstellen können.
Tragischerweise fand die Kluft zwischen Synagoge und Kirche im Lauf der Geschichte ihren Ausdruck im theologischen Gegensatz zwischen Sabbat und Sonntag. Mit der Ausbreitung der Ersatztheologie begannen Christen davon zu sprechen, dass der Sonntag den Sabbat „ersetzt“ und „abgelöst“ habe. Heute feiern die meisten messianischen Juden zu Recht am Sabbat Gottesdienst, in Kontinuität und Treue zu dem Bund, den Gott mit ihren Vorfahren geschlossen hat. Mehr als einmal habe ich jedoch messianische Gläubige abfällig über die christliche Tradition des Sonntagsgottesdienstes oder sogar über christliche Feiertage insgesamt sprechen hören, nicht selten mit einem Unterton von Spott oder Verachtung.
Ich meine, es ist an der Zeit, den Riss zwischen Sabbat und Sonntag zu heilen. Die beiden Formen der Feier müssen einander nicht ausschließen. Schließlich können jüdische und nichtjüdische Gläubige gleichermaßen die Vorzüge eines zweitägigen Wochenendes genießen! Während Juden in der Sabbatfeier weiterhin treu der ersten Schöpfung, ihres Bundes mit Gott und ihrer Befreiung aus Ägypten gedenken, sind alle Gläubigen, auch die jüdischen, eingeladen, in den übernatürlichen „achten Tag“ und die neue Schöpfung einzutreten, die durch die Auferstehung angebrochen ist und die Wirklichkeit dieser Welt übersteigt.
e) Unsere jüdische Mutter
Da ihre theologischen Einflüsse vor allem aus dem Judentum und dem evangelikalen Protestantismus stammen, sind messianische Gläubige meist zurückhaltend, wenn es darum geht, Maria viel Aufmerksamkeit zu schenken. Sie betrachten die herausgehobene Stellung, die Katholiken ihr zuerkennen, mit Misstrauen. Das ist bedauerlich, denn Mirjam nimmt eine Stellung ein, die sie den messianischen Juden besonders nahebringt. Wer könnte ihre schwierige Rolle als Brücke zwischen Synagoge und Kirche besser verstehen als Mirjam, die Tochter Zion, die Mutter des Messias und die Mutter der Kirche? In ihr haben wir das Urbild dieser Brücke zwischen Judentum und Christentum.
Schon eine kurze Beschäftigung mit der katholischen Lehre über Maria zeigt deutlich, dass die Kirche sie weder vergöttlicht noch auf dieselbe Stufe wie Christus stellt: „Was der katholische Glaube von Maria glaubt und lehrt, gründet auf dem Glauben an Christus, es erhellt aber auch den Glauben an Christus“ (KKK 487). Wenn messianische Juden verständlicherweise Vorbehalte gegenüber dem Titel „Mutter Gottes“ haben, genauer theotokos, „Gottesgebärerin“, der Maria bereits im zweiten Jahrhundert beigelegt wurde, muss man verstehen, dass dieser Titel die Gottheit Christi bekräftigt und nicht etwa Maria selbst göttliche Eigenschaften zuschreibt.
War es nicht angemessen, dass Gott die Frau, die die Mutter des Messias werden sollte, auf besondere Weise vorbereitete? Als Tochter Zion bringt Mirjam die Berufung der großen Heldinnen und Stammmütter des Tanach zur Erfüllung (KKK 489). Mehrere frühe Kirchenväter sahen Maria als die neue Eva. Diese Deutung findet sich bereits in der Offenbarung des Johannes. Dort begegnen wir Satan, der mit der alten Schlange aus dem Garten Eden identifiziert wird und Krieg gegen die Mutter des Messias führt, die zugleich Tochter Israels und mit zwölf Sternen gekrönt ist, sowie gegen „die übrigen ihrer Nachkommen“, die „am Zeugnis für Jesus festhalten“ (Offb 12; vgl. Gen 3,15).
Diese erhöhte Mutter des Messias und Mutter seiner Jünger wird auch mit der Bundeslade in Verbindung gebracht, sowohl in der Offenbarung (vgl. Offb 11,19) als auch im Bericht des heiligen Lukas über die Heimsuchung. Dieser erinnert in vielen Einzelheiten an die Erzählung, wie David die Bundeslade nach Jerusalem bringt (vgl. 2 Sam 6,9–15).
Schließlich entspricht Mirjams Rolle als Königinmutter auch der Rolle der Königinmutter im alten Israel. Nicht die Frau des Königs (welche von den vielen?) herrschte im alten Israel an seiner Seite, sondern seine Mutter. Das sehen wir an Batseba, die auf einem Thron zur Rechten ihres Sohnes, des Königs Salomo, saß und bei ihm für einen anderen Fürsprache einlegte (vgl. 1 Kön 2,13–20).
Warum sollten messianische Juden Jeschuas Mutter nicht als ihre eigene lieben, sie, die die neue Eva, die Lade des Neuen Bundes und die Königinmutter ist, die an der Seite ihres göttlichen Sohnes herrscht? Steht sie nicht auch in Kontinuität mit all den schönen weiblichen Gestalten und Personifizierungen, die wir im traditionellen Judentum finden, etwa Rahel, die mit ihren Kindern ins Exil geht, dem Sabbat als Braut und Königin und der göttlichen Schechina, die bei ihrem Volk wohnt und über es wacht?
6. Eine Vision des „katholischen messianischen Judentums“
Wie ich hoffentlich gezeigt habe, glaube ich, dass „katholisches messianisches Judentum“ weder ein Oxymoron noch ein utopischer Traum ist, sondern eine Wirklichkeit, die wesentlich zu Gottes Heilsplan für die Welt gehört. Erste Früchte davon sehen wir bereits in der hebräisch-katholischen Bewegung. Ich hoffe, einige Grundlagen gelegt zu haben, die uns helfen, auf dieses Ziel zuzugehen. Einerseits müssen Katholiken alle Spuren von Antisemitismus und Ersatztheologie entschieden aus ihrer Mitte verbannen. Solche Haltungen sind nichts Geringeres als ein Verrat am authentischen Katholizismus. Mein Gebet ist, dass Katholiken messianische Juden als ihre Brüder und Schwestern im Messias willkommen heißen und sie voll und ganz in ihrer jüdischen Identität annehmen, einschließlich ihrer Liebe zur Tora, zu ihren jüdischen Bräuchen und Traditionen sowie ihrer biblisch und prophetisch begründeten Verbundenheit mit dem Land Israel.
Zugleich bete ich darum, dass messianische Juden den Mut haben, sektiererische Tendenzen zu überwinden und sich den Problemen unklarer Autorität und lehrmäßiger Verwirrung in ihren Reihen ernsthaft zu stellen. Mögen sie erkennen, dass die katholische Kirche auch ihr Zuhause ist, in dem sie jederzeit willkommen sind. Mögen sie den Segen entdecken, auf dem Felsen Petri lehrmäßige Festigkeit und Gewissheit zu finden und an der Fülle der Heilsmittel teilzuhaben, die der Herr uns in den sieben Sakramenten geschenkt hat, insbesondere in der Gabe seines Leibes und Blutes in der heiligen Eucharistie.
Mögen wir zur Fülle jener Einheit im „einen neuen Menschen“ zusammenfinden, in der messianisch-jüdische Katholiken weiterhin durch den Bund der Beschneidung und das Gedenken an den Sabbat die Treue des Gottes Israels bezeugen und in der jüdische und nichtjüdische Katholiken gemeinsam den Anbruch der neuen Schöpfung feiern, die sich in der Auferstehung des Herrn am achten Tag vollzogen hat.
Möge die neue Eva, die Lade des Neuen Bundes und unsere jüdische Mutter und Königin, für uns beten, während wir uns gemeinsam nach einer messianisch-jüdischen Bewegung sehnen, die ihre jüdische Identität im Messias Israels und in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche voll zum Ausdruck bringen kann!



