„Kairos Palästina“: Vom Geflunker zum Größenwahn

Article published by permission of the author and courtesy of the Stonegate Institute

The authors of the "Kairos Palestine" documentEnde 2009 tat sich eine kleine Gruppe christlicher palästinensischer Geistlicher und Laien zusammen und ersann ein Dokument mit dem Titel „Kairos Palästina“. Im Wesentlichen bewarben sie damit bekannte palästinensische Bestrebungen, verkleidet mit ein paar theologischen Floskeln. Selbst nach derzeitigen palästinensischen Standards war es eine extreme Erklärung. Zum Beispiel wurde eine Befürwortung der Zweistaaten-Lösung für Israel und die Palästinenser vermieden.

Jetzt, zwei Jahre später, hat der harte Kern der ursprünglichen Autoren in Bethlehem mit Unterstützern aus dem Ausland eine Konferenz zum Jahrestag abgehalten. Diesmal machten sie sich zum Tribunal, vor dem alle Kirchen der Welt angeklagt wurden, sie zeigten nicht genug Begeisterung für das damalige Dokument. Damit geriet es vom Geflunker zum Größenwahn.

Die von dieser Konferenz kommenden Äußerungen manifestieren einen Mix aus Triumph und Wut. Triumph, denn verschiedene Kirchenbürokraten – hauptsächlich in den Nahost-Ressorts einiger protestantischer Kirchen – hatten sich viel Mühe gegeben, um für das Dokument zu werben. Wut, weil die Aufnahme in den Kirchen insgesamt zumeist nur lauwarm war. Zum Beispiel ging der Versuch, das Dokument in den Niederlanden zu bewerben, nach hinten los, da prominente Kirchenleiter seine Vorschläge ablehnten.

In der Tat hat es beträchtliche Kritik an dem Dokument durch jene ernsten christlichen Theologen gegeben, die sich die Mühe machten, sich damit auseinanderzusetzen. Der Autor dieses Textes war einer der ersten, der die Anmaßungen und Täuschungen des Dokuments offen legte.

Triumph und Wut prägten die Eröffnungserklärung der Gedenkkonferenz durch Rifat Odeh Kassis. Einerseits proklamierte er, „Kairos Palästina verwandelt sich in eine breite Dachbewegung“ und sieht das Aufkommen einer „globalen Kairos-Koalition“ voraus. Andererseits beschimpfte er die Kirchen in Bausch und Bogen: „Wir können das Schweigen der Kirchen nicht länger akzeptieren!“ „Wir können keine finanzielle Unterstützung von einer Kirche oder Organisation akzeptieren, wenn diese sich nicht verpflichtet, für die Beendigung der Besatzung zu arbeiten.“ „Wir können die Argumente, welcher Kirche auch immer, nicht akzeptieren, die in ihren Ansichten ‚ausgewogen‘ sein will.“ Und so weiter und so weiter.

Kassis verlangte außerdem Monopolrechte über christliche Pilgerfahrten. „Wir werden uns laut dagegen aussprechen, dass irgendwelche Kirchen Touren ins Heilige Land organisieren, ohne uns zu besuchen“, drohte er. Darüber hinaus berichtete die Lokalpresse – auch wenn die Online-Zusammenfassung seiner Rede das nicht erwähnt – dass er eine „Kampagne zum totalen Boykott Israels“ forderte (hamlat muqata’a shamila li-Isra’il).

Von seinem hystrischen Ton mitgerissen, übersah Kassis, dass selbst die palästinensischen Kirchen einem dieser Verbote trotzen werden. All diese Kirchen, einschließlich seiner eigenen, sind komplett von Geldspenden aus dem Ausland abhängig. In einigen Kirchen bilden diese um die 90% des Haushalts. Keine palästinensische Kirche wird diese massiven Beiträge von der Unterstützung der politischen Forderungen der Palästinenser abhängig machen.

Für Kassis ist dieses Verhalten nicht neu. Bereits im Juni 2011 machte er sich zum Oberrichter über die Erzbischöfe der Welt mit einer langatmigen Attacke auf Dr. Rowan Williams, den Erzbischof von Canterbury. Williams hatte der BBC ein Interview gegeben, in dem er ein bemerkenswert gut informiertes Verständnis dafür zeigte, wie der Aufstieg extremistischer islamischer Bewegungen sich negativ auf die christliche Bevölkerung des Nahen Ostens auswirkt.

In seinen Anmerkungen wagte sich der Erzbischof anzudeuten, dass Muslime in Bethlehem die Christen schleichend ersetzen. Er sagte damit nichts Neues, nicht einmal etwas, das nicht weithin bekannt ist, doch es reichte aus, eine lange Maßregelung seitens Kassis‘ zu provozieren. Dieser beschrieb sich selbst als durch den Erzbischof „zutiefst beunruhigt“ und „schockiert“ und beharrte darauf: „Ihre Äußerungen zu Bethlehem sind besonders falsch und beleidigend, wenn Sie sagen, dass der Zuzug von Muslimen in den Bereich Bethlehems, wo es nur begrenzt Platz gibt, die Christen zwingt wegzuziehen.“

Neben der Wut trat im Brief später auch Verzweiflung auf, als Kassis schrieb: „Wir erwarten durch die Kirchenleiter aus aller Welt keine Unterstützung mehr.“ Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis, dass der kleine Trupp der Autoren von Kairos Palästina weit davon entfernt ist, die Reaktionen zu bekommen, die sie sich wünschten.

Die zugehörige „Kairos Palästina“-Internetseite führt ja eine Liste palästinensischer Christen, die ihr Dokument unterschrieben haben, außerdem eine zweite Liste von Muslimen und von ausländischen Christen, die es unterstützen. Sieht man aber genauer hin, dann stellt sich heraus, dass es sich bei den Ausländern um die üblichen Verdächtigen handelt. Ihre Zahl liegt bei zweitausend und ist in der letzten Zeit nicht sonderlich gewachsen. Nur etwa fünfzig bezeichnen sich als „Rev(erend)“ oder „F(ather)r“ (Pastor, Vater), die meisten davon unter den frühen Unterstützern. Zwei sind „Bischöfe“: der eine ist im Ruhestand, der andere führt eine Kirche, die er selbst gründete. Das bestätigt die verhaltene Reaktion der Kirchenleiter des Auslands. Was die Liste der Örtlichen angeht, so lässt sich vorstellen, dass der israelische Geheimdienst vergnügt zusieht, wie Kairos Palästina die Namen potenzieller Unruhestifter sammelt und veröffentlicht.

Bei den Organisatoren der Konferenz handelte es sich ebenfalls um dieselben alten Gesichter. Neben Kassis gehörten dazu Michel Sabbah (der ehemalige Lateinische Patriarch), Erzbischof Attalah Hanna und Rev. Naim Ateek. Hanna nimmt inzwischen nicht einmal mehr in Anspruch, im Namen des griechisch-orthodoxen Patriarchats zu sprechen. Ateek schied aus der örtlichen anglikanischen Kirche aus, nachdem er nicht es nicht schaffte, zum Bischof gewählt zu werden. Kurz gesagt: Es handelt sich um einen kleinen Klüngel, der statt der Kirchenleiter in Jerusalem lieber sich selbst als authentische Führer der lokalen Christenheit sehen würde. Es ist also kein Wunder, dass Kirchenleitungen andernorts gezögert haben sie mit offenen Armen zu begrüßen.

Das Kairos-Palästina-Phänomen findet allerdings bei anderen Möchtegern-Alternativführungen Begeisterung. Zu diesen gehören bürokratische Kerngruppen in den Kirchen, militante kirchliche NGOs wie Pax Christi und vor allem die Bürokratie des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖKR/Weltkirchenrat) in Genf. Dieses Gremium beansprucht für Hunderte Millionen Christen weltweit zu sprechen, in Wirklichkeit aber sind es nur ein paar Duzend Beamte in Genf, die einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit, Mühen und Ressourcen auf das Werben für die Sache der Palästinenser verwenden.

Es ist kein Zufall, dass die Abschlusserklärung der Kairos-Gedenkkonferenz die Anfänge von Kairos-Palästina (im Jahr 2009) ausdrücklich in den Zusammenhang des „Amman-Aufrufs von 2007“, der „Berner Perspektive von 2008“ und des „Ökumenischen Forum Palästina Israel“ (gegründet 2007) stellt. Alle drei waren Initiativen des ÖRK. So letztlich auch das Kairos-Phänomen, das mit Hilfe des ÖRK-Ablegers in Jerusalem, dem „Inter-Church Centre“, organisiert wurde. Kassis hat gelegentlich für den ÖRK gearbeitet, und seine Anprangerung von Kirchen des Auslands wurde in diese Abschlusserklärung eingearbeitet. Der ÖRK will zweifellos genauso eifrig für diese Erklärung werben wie für das frühere Kairos-Dokument selbst. Ihr Kirchen der Welt, nehmt euch in Acht: Der ÖRK hat ein Auge auf euch.

Die wahrhaft schrecklichen, mörderischen Regime in arabischen Ländern werden im Gegensatz dazu nie Gegenstand der „Aufrufe“, „Perspektiven“ oder „Foren“ des ÖRK. Konrad Raiser war in den letzten Jahren des Sowjetkommunismus ÖRK-Generalsekretär (1992 – 2003). Kurz nachdem er das Amt verließ (im Juli 2004), gab er halbherzig zu, dass der ÖRK dem Thema der sowjetischen Tyrannei in Osteuropa ausgewichen war. Noch länger überging der ÖRK jedoch Saddam Husseins Irak, das Syrien der Assad-Dynastie und alle anderen Länder des „Arabischen Frühlings“.

Stattdessen schikaniert der ÖRK Israel als problemloses Ziel. Er nimmt richtigerweise an, dass die israelischen Behörden, obwohl die Kairos Palästina-Internetseite die Namen von fast dreitausend palästinensischen Aktivisten bereitgestellt hat, diese nicht im Stil arabischer Regime zu Hunderten erschießen werden.

Kairos Palästina stellt sich selbst als spontanes örtliches Phänomen dar. Doch seine Herkunft wird genauer mit „von Genf, via Bethlehem“ beschrieben.